Kultur : Wut in der Welt

Wolfgang Kraushaar über Protestbewegungen – vom Arabischen Frühling bis zu Occupy.

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Große gesellschaftliche Umbrüche bringen in der Regel Gegenbewegungen hervor, vom Arabischen Frühling zu Occupy. Im 21. Jahrhundert machen sich diese die neuen Technologien des Web 2.0 zunutze und können dadurch internationale Netzwerke schaffen. Die Umstürze nicht nur in der arabischen Welt zeigen, dass Proteste gegen Unterdrückung und Repression vielfältig in der virtuellen Welt organisiert werden, um dann in der realen Wirkung zu zeigen – bis zum Fall des Regimes. Manche Protesteuphoriker sehen im Zuge gerade von Occupy und dem ganzen Sog an Protesten eine „angeblich globale Revolution“ mit der Schaffung einer neuen Partizipationsdemokratie. Die amerikanische Zeitschrift „Time“ wählte das Wort „The Protester“ im globalen Rahmen zur Person des Jahres 2011, im deutschen Kontext gibt es den „Wutbürger“. Trotzdem ist es schwierig, diese vielfältigen Protestbewegungen intellektuell und prognostisch einzufangen, da diese ja auch viele Rückschläge zu verzeichnen haben. Aus dem Arabischen Frühling ist längst ein frostiger Winter geworden, wie die Ereignisse in Ägypten zeigen. Um Occupy, ohne konkretes Programm, ist es ebenfalls ruhig geworden, auch wenn in Frankfurt mit „Blockupy“ eine Wiederbelebung, eine Art laues Lüftchen zustande kam. Der deutsche Ableger war aber eher lahm im internationalen Vergleich.

Wolfgang Kraushaar, öffentlich bekannt durch seine Forschungen zu 1968 und zum Linksterrorismus der RAF, hat ein sehr handliches Bändchen verfasst. Es umfasst die symbolisch wichtigen realen und virtuellen Schauplätze, Akteure, Ursachen für den Fall der arabischen Autokratien, den Machtkampf in Kairo und die Stagnation der Proteste trotz der weltweiten Finanzkrise. Und es gelingt Kraushaar durchaus, die sozialen Bewegungen systematisch, mit ihren Verästelungen unter die Lupe zu nehmen. Die gegenseitigen, vor allem virtuellen Wechselwirkungen der Eruptionen, die bis nach China, Israel und Spanien reichen, werden bei Lektüre schnell klar. In Spanien gingen im Frühjahr 2011, inspiriert vom Arabischen Frühling, erstmals die sogenannten Indignados, „die Empörten“, auf die Straße – die Besetzung zentraler Plätze wie die Puerta del Sol in Madrid diente als Ideengeber für die Occupy-Wall-Street-Bewegung in den USA, die mit dem Zuccotti-Park ebenfalls einen symbolischen Referenzrahmen kreierte. Die Occupy-Bewegung wiederum begann mit einem Aufruf der konsumkritischen kanadischen Adbusters Media Foundation am 17. September 2011, der ausdrücklich auf die Besetzung des Tahrir-Platzes in Ägypten während des Arabischen Frühlings Bezug nimmt.

Wolfgang Kraushaar macht Möglichkeiten wie Grenzen der „Wir sind die 99 %“ – ein im Grunde kollektivistisches Schlagwort von Occupy – eindringlich. War 2011 noch das Jahr des Protestierers, relativiert sich der Befund im Jahr 2012. Viel von dem Elan und revolutionären Feuer ist nicht nur im arabischen Raum, sondern auch rund um Occupy erloschen, was nicht nur das Räumen der Camps zum Ausdruck bringt. Der Unmut über die breit diskutierten Missstände durch den „Super- oder Turbokapitalismus“ und dessen Selbstdynamik ist freilich groß. So liegt es nahe, den Finger nicht nur in die Wunde zu legen, sondern auch darüber nachzudenken, wie die Welt gerechter regiert werden kann. Die globalisierungskritische Bewegung dürfte diese Krise laut Kraushaar weiter motivieren, für ihre Anliegen und für ein größeres Pathos in der Bewegung selbst zu werben. Vielleicht wird sie auf internationalem Parkett auch als Lobbyist konkretere Vorstellungen eines „good governance“, eines besseren Regierens, entwickeln, das darauf zielt, klare Verantwortlichkeiten und auch bei den internationalen Wirtschaftsinstitutionen Transparenz zu erreichen.

Dann könnte die globalisierungskritische Bewegung sich auch von dem Vorwurf befreien, stets nach hässlichen Feindbildern zu suchen, unterwandert zu werden und dabei das Gewaltmonopol des demokratischen Verfassungsstaates völlig infrage zu stellen. Bei Kraushaars lohnendem Buch kommt dieser durchaus problematische Aspekt viel zu kurz. So taucht etwa der amerikanische Anarchist und Autor David Graeber überhaupt nicht auf – als Vermummter im Schwarzen Block, als Aktivist und intellektueller Ideengeber von Occupy und in deutschen Medien als Mastermind der Bewegung gefeiert und mit einem Buch über 5000 Jahre Schulden nun in den Bestsellerlisten.

Wolfgang Kraushaar: Der Aufruhr der Ausgebildeten. Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung. Hamburger Edition, Hamburg 2012. 253 Seiten, 12 Euro.

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