Kultur : Wut tut gut

„Goodbye London“: Die NGBK in Berlin erinnert an die radikale britische Kunst der siebziger Jahre

Jens Hinrichsen

Zeitweilig blockiert eine große Kunsttransportkiste den Eingang. Besichtigungstermin in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst: Der teure Kisteninhalt hängt schon an der Wand. „Rape“ kommt aus einem britischen Museum und ist das einzige Gemälde dieser Ausstellung, die ein Kaleidoskop der Londoner Gegenkultur der siebziger Jahre zusammensetzt – mit Fotos, Plakaten und Filmen. „Rape“, gemalt von der Feministin Margaret Harrison, ist ein wütendes combine painting. Aufgeklebte Zeitungsschlagzeilen handeln von Gewalt gegen Frauen, darüber finden sich Zitate männlicher Dominanz aus der Malereigeschichte, von Rubens bis Manet.

Das Kunstschöne, vom Sockel gerissen. Verführung als potenzielle Vergewaltigung. Selten waren politischer Anspruch und Ästhetik derart verzahnt wie in der Ausstellung „Goodbye London – Radical Art and Politics in the Seventies“. Die Werke – viele von ihnen haben gar nicht den Anspruch, Kunst zu sein – zielen auf Veränderung der Verhältnisse und leben sie vielfach vor. Da der Aufbruch der 68er-Generation in London unlösbar mit der dortigen Hausbesetzerszene verbunden ist, könnte man die Kiste eigentlich gut als Blockade im Weg stehen lassen.

Rund 30 000 squatters sagten den Immobilienspekulanten in jenen Jahren den Kampf an. Sie hatten leichtes Spiel, denn Hausbesetzung war in England keine Straftat. „Man brauchte nur das Türschloss auszuwechseln“, erklärt Boris von Brauchitsch, einer von vier Kuratoren der Ausstellung, die auch die verschiedenen Gruppierungen dieser Zeit trennscharf porträtieren möchte. „Von der trotzkistischen Weltrevolution bis zum Schrebergartenidyll war jede Couleur vertreten“, sagt Brauchitsch.

Die Londoner Schwulenbewegung wird großzügig dokumentiert – und durch Fotos der Lesben-Theatergruppe Hormone Imbalance komplettiert. Wobei die eigene Toleranz durchaus an Grenzen stieß. So wollten viele „African Britains“, obwohl oft noch stärker drangsaliert und stigmatisiert, nichts mit der Gay Scene zu tun haben. Rührend sind indessen zwei Auftrittsfotos der Brixton Fairies in einem Seniorenheim. Exotisch gekleidet schwingen die Aktivisten phallische Riesenbananen, worauf die älteren Damen im Publikum wenig amüsiert reagieren. Die Solidarisierungsperformance mündete indes im Schlachtruf „Erhöht die Renten. Jetzt!“

Erstaunlich, wie auch in den genuin künstlerischen Arbeiten, in Werken von Victor Burgin und David Hall, Selbstinszenierungen der Fotografin Jo Spence oder Plakaten von Peter Kennard in bester Heartfield-Tradition, die damalige Wirklichkeit zum Vorschein kommt. Ein Anspruch, den die aktuelle Berlin Biennale nicht einlöst. Bei dem 1994 gestorbenen Filmkünstler Derek Jarman finden sich beide Pole: die Widerspiegelung des sozialen Umfelds, wie im Fall des Schwulen-WG-Lebens im Zeitrafferfilm „Sloane Square“, und der entrückt-gelbstichige Mystizismus in der ländlichen Elegie „A Journey to Avebury“.

Eine Videokabine weiter schockt die Performance des abject artist Stuart Brisley, der sich vor laufender und bis an den Mund heranzoomender Kamera minutenlang erbricht. Im 20-Minüter „Arbeit macht frei“ wird Auschwitz zur Metapher (was problematisch ist) für staatliche Repression und Folter. Eine Sequenz, in der Brisley immer wieder im Wasser einer Badewanne versinkt, lässt an die zu zweifelhaftem Ruhm gekommene Folterpraxis des Waterboarding denken. „Wie Jarman entfernt sich auch Brisley vom Agitprop“, sagt die Co-Kuratorin Jule Reuter. „Bei ihm steht die durchlittene Grenzerfahrung im Vordergrund.“ Andere Brisley-Arbeiten sind übrigens noch bis zum heutigen Sonnabend in der Berliner Galerie Exile zu sehen.

Vor den solitären Positionen rangiert jedoch die Vision vom Kollektiv. Dem „Poster Collective“, einer Art Protest-Agentur, die von der Gestaltung bis zum Druck von Plakaten Hilfestellung gab, widmet „Goodbye London“ eine ganze Ausstellungswand. Erstaunlich aktuell ein Poster, das feiste Investoren mit einer Aufnahme von schlangestehenden Jobsuchenden kombiniert. Dazwischen, als diagonaler Balken: eine Faust, die einen signalroten Schraubenschlüssel reckt. „Ihre Krise – unsere Jobs. Wir fordern Arbeitsplätze.“

Der kanadische Fotograf Homer Sykes hat zahlreiche Straßenkämpfe und Demonstrationen dokumentiert, darunter den „Grunwick Strike“ asiatischer Großlabor-Arbeiterinnen (1977), ein zentrales Ereignis in der Geschichte der Frauenbewegung – und fast schon ein Schwanengesang der britischen Gewerkschaftsbewegung, die von Maggie Thatcher wenige Jahre später nachhaltig ausgebremst wurde.

Seltsamerweise haben die Thatcher-Ära und auch der kommerzialisierte Punk die Erinnerung an die Radical Art jener Jahre als bedeutende Phase der britischen Kunst verblassen lassen. Liegt es daran, dass es anders als in Deutschland und Italien wenig militante Auswüchse gab? Astrid Proll, einst Mitglied der RAF, die 1978 in ihrem Londoner Unterschlupf verhaftet wurde, vermutet es. „Die alternativen Szenen konnten sich dank der Hausbesetzungen ohne Druck entwickeln, in der Mitte von London“, sagt sie. Die Zeitzeugin, die heute als Fotografin und Journalistin arbeitet, hat die Ausstellung mitkonzipiert und ein höchst lesenswertes Buch bei Hatje Cantz herausgegeben, „Goodbye to London“ (200 Seiten, 24,80 €). Ein Abschied wird in der Berliner Ausstellung gewiss nicht gefeiert. Eher ein Comeback.

NGBK, Oranienstr. 25, bis 15.8.; tägl. 12–19, Do–Sa bis 20 Uhr.

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