Kultur : Wut und Blut

Chinesische Lektionen beim Literaturfestival

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In China wird alles verkauft, was sich verkaufen lässt. Für die Landbevölkerung etwa ist es selbstverständlich, ihre Kinder in die Stadt zu verkaufen, schreibt Ai Weiwei in einem seiner von der Staatsführung gesperrten Blogs, die kürzlich auf Englisch erschienen und als eine von „Drei Lektionen über China“ beim Internationalen Literaturfestival vorgestellt wurden. Die Feststellung wirkte wie ein Konzentrat des Gesprächs zwischen dem Schriftsteller Liao Yiwu und Tienchi Martin-Liao über die Menschenrechtslage in China. Es sei „eine Illusion zu glauben, dass ökonomischer Fortschritt die Menschenrechte voranbringt“, erklärte Tienchi, die Vorsitzende des Pen Centers in Taipeh. Den Menschen, so Liao, gehe es vielfach um das nackte Existenzrecht. Im Protest gegen Vertreibungen greifen sie sogar zu Mitteln wie der Selbstverbrennung.

Nicht nur der Staat betreibt einen pragmatischen Ökonomismus, er ist auch der Bevölkerung in Fleisch und Blut übergangen. Ein Polizist, der ihm nach der Haftzeit hatte helfen wollen, erzählt Liao, bot ihm an, ein Geschäft mit gefälschter Markenkleidung zu eröffnen. Als Liao ablehnte, redete der Polizist ihm ins Gewissen: „Du musst aber verkaufen lernen!“

Über seine Haft schreibt Liao in dem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“, und seine Schilderungen lösen auch bei den ILB-Besuchern Beklemmung aus. Er berichtet über die Selbstzerfleischung chinesischer Häftlinge, die keinerlei Identität mehr besäßen. Auch wenn man seinem Vergleich mit den Juden in den KZs nicht folgen muss, gelang es beiden Gesprächspartnern, ein bedrückendes Bild des Laojiao-Systems – der Umerziehung durch Arbeit – in den Arbeitslagern (Laogai) zu vermitteln, das nicht auf physische Vernichtung, sondern auf die Ausbeutung der Inhaftierten bis hin zum Verkauf der Organe der zu Tode Verurteilten zielt.

Viele der im Westen verkauften chinesischen Produkte stammen von daher. Auf die Frage der Moderatorin Susanne Messner, ob sich dagegen ein Boykott organisieren lasse, erntete sie bei den chinesischen Besuchern sarkastisches Gelächter. „Können Sie drei Tage leben, ohne mit chinesischen Produkten konfrontiert zu werden?“, konterte Tienchi. Und insistierte darauf, dass die „Entwicklungshilfe“ der Bundesregierung in Sachen chinesischer Strafrechtsreform wenig Erfolg verspreche. Die Rechtswirklichkeit in China sei das Problem, in der Korruption und Willkür zum Alltag gehören. Die Gewalt, sagt Liao, löse Wut aus und Gegengewalt. Mancher sieht dann keinen anderen Ausweg, als, wie in Schanghai geschehen, in eine Polizeistation zu stürmen und sechs Polizisten zu erstechen. Ulrike Baureithel

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