Kultur : Wut und Farbe

Afghanische Malerinnen zeigen erstmals ihre Kunst

Eva Kalwa

Fröhlich quillen die roten, grünen und weißen Wollfäden über den Rand des hölzernen Rahmens. In einer Art subversivem Chaos nimmt das bunte Knäuel von der strengen Ordnung um sich herum Besitz. „Out of border“ heißt die Collage der jungen Künstlerin Sara Nabil aus Kabul. Mehrere Übersetzungen wären denkbar: Die Assoziation „Aus dem Rahmen fallen“ passt ebenso gut wie „Jenseits der Grenze“. Denn die 33 Bilder der 23 jungen afghanischen Künstlerinnen, welche die Sächsische Landesvertretung zeigt, stehen vor allem für die Suche nach einem eigenen künstlerischen Weg jenseits von Zwängen und Fremdbestimmung. In diesem Ringen um Selbstfindung und -ausdruck liegt das politische Moment der ersten Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus Afghanistan.

Es führt nicht sehr weit, die junge afghanische Kunst mit den Klassikern der westlichen Moderne gleichzusetzen, wie das in durchaus guter Absicht unter anderem der Organisator der Ausstellung, der Berliner Patchworld Verlag versucht. Aber die Bilder zeigen, mit wie viel Lebenswillen und Talent die jungen Frauen von der Kunsthochschule in Kabul nach den Jahren der Unterdrückung ihres Landes durch die sowjetischen Besatzer und die Taliban-Regierung Gefühlen wie Trauer und Wut aber auch ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft Ausdruck verleihen.

Viele Gemälde stellen Gefängnisse in Form von Höhlen und Räumen mit Stacheldraht und vergitterten Fenstern dar. Doch nicht immer scheinen sie ausweglos: In „Crooning for the sun“ von Nabila Horakhsh summt eine Frau in ihrer Burka die Sonne herbei. Auch von ihr ist wie bei vielen anderen Menschen nur ein Umriss zu erkennen, als gäbe es nach den Zeiten der Repressionen und Kriege keine klaren Identitäten mehr – und außer Schemen noch keine neuen.

Nur einzelne Augen und Münder blitzen mehrfach auf: Die Blicke auf den Betrachter sind neugierig, verschreckt oder auch drohend. Ein großes Auge gewährt Einblicke in eine reiche, bunte Innenwelt. In „Smile“ von Zarghuna Hotak schwebt über vielen farbigen Schichten – der Tradition, des Vergessens? – ein roter Mund. Ein leises, wissendes Lächeln umspielt die Lippen.Eva Kalwa

Sächsische Landesvertretung, Brüderstr. 11/12, bis 16. Juli; täglich 10–18 Uhr.

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