Kultur : Wutkünstler

Aufstand der Benachteiligten: Berlins Freie Szene demonstriert für eine neue Kulturpolitik.

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Wut und Zorn sind oft gehörte Begriffe auf dem Podium. Die Koalition der Freien Szene, dieses im vergangenen Jahr gegründete offene Aktionsbündnis aller künstlerischen Sparten in Berlin, hat in den Kreuzberger Senatsreservespeicher geladen, um ihre Protestkampagne zu annoncieren. „So laut wie möglich sein“, gibt Koalitionssprecher Christophe Knoch als Losung aus. Und der in Warnrot plakatierte Slogan lautet: „Geist ist noch flüchtiger als Kapital – haltet ihn fest!“ Berlin von allen guten Geistern verlassen? Das würde mancher allerdings für den Ist-Zustand halten.

Was die Wutkünstler bewegt und auf die Barrikaden treibt, ist die als Wurschtigkeit empfundene Nonchalance, mit der die Kulturverantwortlichen der Stadt die Forderungen der Freien Szene nach mehr Geld ignorieren. Die Hoffnung, einen Anteil an der geplanten City Tax zu bekommen, zerstreut sich allmählich. Weil offensichtlich der politische Wille dazu fehlt. Dass Staatssekretär André Schmitz im Vorfeld zu den Beratungen über den Doppelhaushalt mit Erfolgsstolz das Verharren auf dem Status quo verkündete („Die Zuwendungen an die Freie Szene konnten mit ca. 10 Millionen Euro auf dem bisherigen Niveau gehalten werden“), ist auch nicht gut angekommen. Ebenso wenig ein Interview mit einem Boulevardblatt, in dem Schmitz väterlich flötete: „So katastrophal können die Arbeitsbedingungen für junge Künstler in Berlin nicht sein, sie würden sonst wohl nicht in die Stadt kommen.“ Wenigstens hätte ihm mal jemand sagen können, dass in der Freien Szene gelegentlich auch Menschen jenseits der 40 anzutreffen sind.

Klar, man kann immer darüber streiten, ob mehr Geld die Lösung aller Probleme bedeuten würde. Vor allem, wenn es nach dem waltenden Gießkannenprinzip verteilt wird. Ebenso fraglich ist, ob jedes zum Denklabor umdeklarierte Ladenlokal unbedingt von der öffentlichen Hand alimentiert werden muss. Allerdings gab es von politischer Seite zuletzt genügend Beteuerungen, die Freie Szene besser ausstatten zu wollen. Und bekanntlich schmückt man sich in Berlin gern mit dem Image einer hippen Wildwuchs-Metropole, das sich bestens vermarkten lässt. Die Tourismusbranche, berichtet Knoch, habe zuletzt einen Zuwachs von neun Prozent verzeichnet: „chinesische Verhältnisse“. Und am Boom fühlen sich die freien Künstler nicht ganz unbeteiligt. Diese Argumente wurden natürlich schon so oft vorgebracht, dass man sich allmählich wie in einem Zeitschleifenfilm fühlt.

Von jetzt an bis zum 28. September sollen daher Taten folgen. Im Netz und auf den Straßen wird zur Offensive geblasen. Die Koalition der Freien Szene – die Rückhalt vom Rat für die Künste bekommt – hat sich ein buntes Aktionsprogramm aus Podiumsdiskussionen und Interventionen einfallen lassen (Infos: www.berlinvisit.org). Auf den Homepages von Institutionen wie den Sophiensälen wird ein Black Screen vor dem Erlöschen der kreativen Lichter warnen. Eine Karte, die nach dem Google-MapsPrinzip funktioniert, soll die Orte der Freien Szene sichtbar machen. Auf verschiedene große Häuser Berlins wird nachts das Signet projiziert: „Freie Szene Berlin stärken“. Und ein rotes Feuerwehrmobil fährt herum und signalisiert: Hier brennt's! Alles prima. Aber irgendwie beschleicht einen der leise Verdacht, die Politiker könnten darauf schulterzuckend bis gar nicht reagieren. Ach ja, die jungen Leute. Patrick Wildermann

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