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Eröffnung der Münchner Opernfestspiele mit Zubin Mehtas und Thomas Langhoffs „Meistersingern“

Sybill Mahlke

Ein Sachs, der weint, der die Brille abnehmen muss, um die Tränen fließen zu lassen: Eva Pogner liebt einen anderen. Ein Beckmesser, der sich die Lautenbegleitung seines jämmerlichen Ständchens vom Ghettoblaster – wahrhaft kein neues Bühnenrequisit – einspielen lässt, weil er die Beherrschung seines Instruments verlernt hat. Immerhin erlaubt die Technik Fernbedienung, so dass der heiratswillige Stadtschreiber sich auf die Störungen des singenden und klopfenden Schusters einstellen kann. Das gibt der Szene einen zeitgemäßen Buffo-Humor.

Zeitgemäß? In Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, so steht es überall geschrieben, gehört das Nürnberg des 16. Jahrhunderts zur Substanz. Von dieser fest umrissenen historischen Umgebung haben sich schon andere Regisseure verabschiedet: Hans Neuenfels zum Beispiel, dessen Stuttgarter Produktion im Nachkriegsberlin mit Trümmerfrauen und Brandenburger Tor spielt. Thomas Langhoffs Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper geht einen anderen Weg. Weit entfernt vom Butzenscheiben-Nürnberg, wagt sie den Schritt in unsere Postmoderne, in die pauschalen oder schrägen Architekturen des Ausstatters Gottfried Pilz, in das Internet gar: www.schuster.de – so präsentiert sich die Zunft auf der Festwiese mit ihrem Emblem des feschen roten Damenschuhs.

Und doch ist die Geschichte „Von der Meistersinger holdseliger Kunst“, wie sie Johann Christoph Wagenseils Nürnberger Chronik überliefert und Richard Wagner adaptiert hat, keine tote Vergangenheit. Denn eine bürgerliche Gegenwart, die Langhoff auspinselt, hat die Vorgeschichte nicht vergessen. Es sind Menschen von heute, die an einem Ritual festhalten. Wo es um ihr Regelwesen geht, sitzen die Meister in Robe und Barett zu Gericht, um zu prüfen, wer in ihre Reihen passt. Ein wenig Klagenfurter Literaturwettbewerb, ein wenig Heimatverein: Die Gilde nennt sich „Nürnberger Poesie e.V.“. Die Jugend ist dabei wie die Veteranen im weißen Haar.

Aus dieser Exposition verselbstständigt sich die Geschichte. Im Saal der Katharinenkirche schläft beim Gottesdienst ein Obdachloser, der als Nachtwächter der Gemeinde dient. Beckmesser geifert schon sehr bissig, wenn er dem Schusterpoeten das Dichten von Gassenhauern vorwirft. Aus dem Spiel wird Ernst. Die Gefühle entwickeln ihre Eigendynamik: bis Sachs, dessen Idealgestalt zweifelhaft wird, weil er mit seinem Kritiker Beckmesser ein gemeines Spiel treibt, zu weinen anfängt. Die Festreden werden auf eine Großleinwand projiziert. Manches erscheint im Wortsinn dunkel: vor allem das Quintett in der Schusterstube, das seine innere Dramatik einbüßt, während die fünf singenden Figuren sich als Geister auf virtuelle Himmelfahrt begeben.

Um die Einheit von Handwerk und Kunst, die gepriesen wird, sind die Meistersinger zu beneiden. Fällt es der heutigen Generation der Auszubildenden immer öfter schwer, bis drei zu zählen, so steht Sachsens Lehrjunge David mit seiner Kenntnis der Meisterweisen wie ein Intellektueller da. Mit Kevin Conners als David, Brillenträger wie sein Meister, tenoral aufs Große zielend, zeigt Regisseur Langhoff einen schlauen Jungen. Von der modischen Jugend gequält, erobert er sich spontan das Bett der Magdalene. Die ist in Gestalt Katharina Kammerlohers ein Bürofräulein mit altjüngferlichem Pfiff.

Jungfer Eva dagegen gehört im braven lindgrünen Frühjahrskostüm nicht zu diesen Minirock-Girlies, dieser frechen Jugend, die sie umgibt und die über das Sonnenwendfeuer springt. Michaela Kaune, stimmlich nur selten vom Ideal-Lyrischen abweichend, muss als Pogner- Tochter die Gefangenschaft ihrer Erziehung erst abstreifen, um Sachs zu Tränen zu rühren und frei zu sein für ihren Geliebten Stolzing. Robert Dean Smith gelingt die allmähliche gesellschaftliche Anpassung des Ritters mit jugendlicher Kraft, nicht ohne stimmliche Anstrengung. Am Ende ist er glänzender Sieger in seinem Gehrock, dem heute wieder modern gewordenen Festgewand.

Zubin Mehtas pastose musikalische Interpretation mit dem Bayerischen Staatsorchester trägt dazu bei, dass die Bässe ein wenig breit ausladen, beide indes mit schönen Details: Matti Salminen als Pogner und Jan-Hendrik Rootering als Hans Sachs, der wie ein Bulle von Tölz im Silberhaar aussieht und für sich einnimmt. Eike Wilm Schulte versieht den Merker Beckmesser mit ungewöhnlicher Differenzierung zwischen Zorn und Kantilene, mit Wortdeutlichkeit in seinem beklagenswerten Preislied und dem Ehrgeiz, in der Schusterstube als Sänger erfolgreich mit dem hohen A abzutreten. Mehta führt den verstärkten Staatsopenchor und das zahlreiche Ensemble nicht gänzlich frei von Schlingern durch die Partitur und die progressive Harmonik des „Es klang so alt und war doch so neu“. Seine Interpretation strebt einen jubelnden Kontrapunkt an, der sich in der Ouvertüre ausdrucksvoll entfaltet.

Thomas Langhoffs Personenregie reicht bis in Sachsens Zeigefinger. Sprechende Hände gehören zum Handwerk dieses Regisseurs. Böse ahmt Beckmesser die Gestik des Schuhmachers nach. Liebespaare flanieren und knutschen, während Eva, das Einzelkind und Preismädchen eines reichen Vaters, sich scheu auf dem Schemel hält. Aber wir erleben in der elektrischen Schnelligkeit ihrer Liebe, dass sie bei aller konventionellen Haltung sehr jung ist. Zur Prügelfuge klettert ein Orchestermitglied im Frack aus dem Graben, um als Raufbold an der absurden Massenszene auf der Bühne teilzunehmen.

Münchens Opernfestspiele haben ihre umstrittene Premiere, wie es sich gehört: Es gibt jede Menge Buhs und Pfiffe für Langhoff. Über den roten Teppich des Nationaltheaters sind die Ehrengäste zu den Anachronismen eines bewusst verqueren Meistersingerbildes gelangt. Auf der Bühne liest Hans Sachs derweil die „Süddeutsche Zeitung“.

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