X-Men: Apocalypse im Kino : Ein blasser Weltuntergang

Erst Superhelden-Bürgerkrieg, dann Batman gegen Superman und jetzt die X-Men gegen den Weltuntergang. Das Frühjahr gehörte den Superhelden. Leider ist „X-Men: Apocalypse“ der schwächste der drei Blockbuster.

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Magnete (Michael Fassbender) arbeitet in einem Stahlwerk - und kämpft mit seinem alten Trauma.
Magnete (Michael Fassbender) arbeitet in einem Stahlwerk - und kämpft mit seinem alten Trauma.Foto: 20th Century Fox

Nachdem Bryan Singers Comic-Adaption „X-Men“ im Jahr 2000 den Startschuss für den bis heute anhaltenden Superhelden-Kinoboom gegeben hatte, stand die Produktionsfirma 20th Century Fox mit dem Ende der ersten X-Men-Trilogie 2006 vor einem Problem: Die Hauptdarsteller Patrick Stewart (Jg. 1940) und Ian McKellen (Jg. 1939) waren als Comic-Actionhelden langsam nicht mehr glaubwürdig.

Man entschied sich für einen Neustart mit James McAvoy (Jg. 1979) und Michael Fassbender (Jg. 1977) in den Rollen der Hauptfiguren Charles Xavier und Magneto. Die Verjüngungskur wurde in „Erste Entscheidung“ (2011) mit einem Zurückspringen der Handlung in die frühen Sechziger begründet. Im Nachfolger „Zukunft ist Vergangenheit“ kamen beide Darsteller-Generationen in einem zwischen den Siebzigern und einer nahen Zukunft pendelnden Zeitreise-Plot zusammen. Singer hatte erstmals seit „X-Men 2“ wieder selber Regie geführt und die verknäuelten Handlungsfäden gekonnt entwirrt. Vor allem aber drehte er einen brillanten Genrefilm mit spektakulärer Action und stimmigem Ensemble.

Umso trauriger nun der Absturz bei „X-Men: Apocalypse“. Die Tugenden des Vorgängers werden einer sinnfreien Überbietungsdramaturgie untergeordnet, die den Zuschauer nach zweieinhalb Stunden erschöpft zurücklässt. Schon die Exposition lässt mit CGI-Overkill eher an infantilen Mythenmumpitz wie „Gods of Egypt“ denken: Vor über 5000 Jahren wird der gottgleich verehrte Supermutant Apocalypse (unter fingerdicker Schminke kaum zu erkennen: Oscar Isaac) von einer einstürzenden Pyramide begraben – und 1983 zufällig befreit. Nun sinnt der mit erderschütternden Kräften ausgestattete Übeltäter auf die Ausrottung des Homo Sapiens. Ein Plan, für dessen Umsetzung er aus nicht nachvollziehbaren Gründen vier Mutanten als apokalyptische Assistenten rekrutiert, darunter den an der Menschheit verzweifelten Magneto. Letzte Hoffnung sind die von Charles Xavier angeführten guten Mutanten, die ihre kollektiven Kräfte in Kairo in ein episches Schlachtengemälde werfen.

Superhelden-Gladiatorenkämpfe in Ost-Berlin

Filmgegenwart sind die achtziger Jahre, was Gelegenheit für popkulturelle Anspielungen (eine Gruppe von Mutanten kommt ernüchtert aus dem dritten „Star Wars“- Film) und modischen Verirrungen gibt (Rose Byrne mit Lady-Di-Gedächtnisfrisur). Ansonsten wirkt die Ära trotz mutantischer Eingriffe ins Weltgeschehen vertraut: Es herrscht Kalter Krieg, Ronald Reagan ist US-Präsident. Und ein abgerocktes Ost-Berlin ist Austragungsort von Gladiatorenkämpfen mit Mutanten. Apropos: Das Ost-Berlin-Bild im amerikanischen Mainstreamkino, siehe auch Steven Spielbergs „Bridge of Spies“, wäre mal eine Untersuchung wert.

Nun ist „X-Men: Apocalpyse“ kein durchweg schlechter Film. Schon die Güte der Schauspieler bürgt für eine Grundqualität, zumal der bekannte Cast (McAvoy, Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult) durch Jungstars wie Kodi Smit-McPhee, Tye Sheridan oder Sophie Turner (aus „Game of Thrones“) ergänzt wird. Und viele Szenen sind für sich genommen erstaunlich: Die grandiose Zeitlupensequenz des blitzschnellen Quicksilver (Evan Peters) aus „Zukunft ist Vergangenheit“ soll durch eine noch aberwitzigere Rettungstat getoppt werden, was für den Action- und Humorhöhepunkt des Films sorgt. Das persönliche Trauma Magnetos, der als anonymer Stahlwerkmalocher im sozialistischen Polen Frieden und familiäres Glück gefunden hatte, wird von Michael Fassbender sehr bewegend gespielt. Seine Zerrissenheit ist das eigentliche emotionale Zentrum des Films. Nicht nur wegen des überragenden Darstellers wünschte man sich endlich ein Magneto-Spin-Off.

Abgesehen davon, dass „X-Men: Apocalypse“ trotz schlaglichtartiger Rückblenden ohne Kenntnis der Vorgängerfilme nicht zu verstehen ist, liegt das Problem eher darin, dass Bryan Singer und Drehbuchautor Simon Kinberg zu viele Bälle auf einmal in die Luft werfen. Diverse Mutanten werden neu eingeführt, einige davon bestenfalls anekdotisch. Insgesamt wirkt das Ensemble und das sich daraus ergebende Handlungsgeflecht aber überfrachtet, was die Dramaturgie entscheidend schwächt. Zudem wird ein starker Fokus auf Kampfszenen und die Visualisierung der Superkräfte gelegt, was zulasten der doppelbödigen Dialoge geht.

Eine Staffage des Actionsgewitters

Schwach bleibt auch der Antagonist, was kein darstellerisches Manko ist: Oscar Isaac verleiht dem Erzbösewicht der Antike durchaus furchteinflößende Präsenz, doch das Drehbuch lässt ihn bei der Charakterzeichnung im Stich. So rumpelt alles auf den unvermeidlichen und viel zu langen Showdown hin, der trotz des drohenden Weltuntergangs eher lahm wirkt.

Von den Big Three des Superhelden-Kinofrühjahrs 2016 wird wohl keiner als Genre-Meilenstein in Erinnerung bleiben. Am überzeugendsten, weil selbstironisch, flott und spannend, ist das Heldenscharmützel von „The First Avenger: Civil War“, zudem eine Meisterleistung der Schauspielführung, bei der ein ähnlich großes Ensemble wie bei „X-Men: Apocalypse“ mit schachbrettartiger Präzision bewegt wird. „Batman v Superman: Dawn of Justice“ hatte die interessanteste Fragestellung (Verkraftet die Welt einen Superman?) und die bekanntesten Comic-Ikonen als Protagonisten, geriet aber zum trübsinnig-schwerfälligen Monumentalschinken. Die X-Men schließlich, als Kino-Franchise ähnlich gut etabliert wie Iron Man & Co., werden zur Staffage eines Actiongewitters, über dessen zeitweilige handwerkliche Schlampigkeit man sich kaum noch aufregen mag.

Zum Glück machen die Kino-Superhelden jetzt erst mal ein paar Monate Pause.

Ab Donnerstag in 20 Berliner Kinos. OV: Alhambra, Karli, Cinestar Sony Center 1-8, IMAX, Colosseum, Zoo Palast

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