Kultur : "X-Men": Bryan Singer hat die Fantasy-Serie verfilmt

Ralph Geisenhanslüke

Sieht er nicht aus wie das Gute in Person? Wenn Patrick Steward sein wissendes Lächeln andeutet, bewegen sich die Mundwinkel vielleicht zwei Millimeter. Das genügt. Ein Blick aus den freundlichen, offenen Augen - und schon fühlen wir uns alle sicher wie an Bord von Raumschiff Enterprise. Dort hat Steward von 1988-94 seinen Dienst als Captain Jean-Luc Picard geleistet. Und noch heute, Lichtjahre davon entfernt, flimmert das Bild dieses ruhigen, aber entschlossenen Glatzkopfes über deutsche Bildschirme. Wird jemals wieder ein Captain wie er auf einer Raumschiff-Brücke stehen und als humanistisch gebildetes Vorbild in fremden Galaxien Shakespeare zitieren? Diese kleine Selbstreferenz konnte sich Steward, der ansonsten vollendet hinter seine Rolle trat, nicht verkneifen. Schließlich ist er seit 1967 Mitglied der Royal Shakespeare Company. Berührungsängste mit vermeintlich trivialen Stoffen sind ihm fremd. Auch deshalb war er die Idealbesetzung für Xavier, den Rektor der Superheldenschule.

Die dortigen Zöglinge können zum Beispiel über Wasser laufen, Flugzeuge anhalten oder mit ihrem Blick Berge durchbohren. Sie können Gedanken lesen und das Wetter beeinflussen. Was Superhelden halt so drauf haben. Superhelden, das erkennen wir schnell, sind eigentlich friedliche Gesellen. Es sei denn, sie müssen gegen Giga-Schurken kämpfen. Und die sind reichlich vorhanden in "X-Men", dem Marvel-Fantasy-Comic, den Regisseur Bryan Singer ("Die üblichen Verdächtigen") nun dreidimensional umgesetzt hat.

Die Welt der nahen Zukunft ist voller Mutanten. Das kann man zwar auch von der Gegenwart annehmen, sobald man nachmittags den Fernseher einschaltet. Bei den "X-Men" aber handelt es sich um besondere Mutationen. In der Welt der nahen Zukunft sind die Mutanten für die Menschen zum Problem geworden, weil niederträchtige Politiker mit Hetzparolen Stimmen fangen wollen. Und schon steht der Mob auf der Straße und fordert: "Mutanten zum Mond schießen!". Die Menschen sind eben nur nett, wenn sie mal wieder Hilfe im Kampf gegen irgendeinen Giga-Schurken brauchen. Das ist die traurige Wahrheit des Superhelden-Lebens. Kein Wunder, dass sich auch Mutanten untereinander nicht grün sind, es sein denn, es handelt sich um ihre natürliche Gesichtsfarbe.

Sie leiden - hier kommt das alte pickelige Teenager-Mutant-Motiv zum Blühen - unter ihrer Andersartigkeit. Auch ihr Liebesleben ist kompliziert: Können Mutanten normale Beziehungen haben? Zahlen sie Steuern? Wenn ja: Wollen sie die Mutanten-Ehe? Das sind Fragen, denen sich die Gesellschaft der nahen Zukunft endlich stellen sollte. Statt dessen lässt sie sich von billigen Demagogen aufwiegeln.

Der Ober-Giga-Schurke heißt Magneto. Am Anfang sehen wir, wie er im Warschauer Getto von seinen Eltern getrennt wird. Nun, als er den Mob auf den Straßen sieht, fühlt er sich an die Vergangenheit erinnert - und will es den Menschen mal so richtig zeigen. Ein reaktionärer Senator zum Beispiel ist das erste Opfer des Mutanten-Radikalinskis, der wird kurzerhand mutiert und schon atmet er durch Kiemen.

Doch Xavier, der weise Rektor, setzt trotz seiner Macht unbeirrt auf Güte und Verständnis. Er will Magneto daran hindern, die Menschheit auszulöschen. Es kommt zum High Noon der digitalen Wundertricks. Pädagogisch ansprechend ist an diesem über Kreuz gelöteten X-Quark allenfalls die Idee, die Mutanten als Andersartige zu zeigen, die friedlich für ihre Anerkennung arbeiten. Immerhin: Ist nicht allein diese Botschaft schon so wertvoll wie ein kleines Steak?

Nebenbei stehen die Mutanten auch als Gegenentwurf zum allseits optimierten Human-Genom. Aber darüber nachzudenken fehlt Erziehungsberechtigten wahrscheinlich die Zeit, wenn die Superhelden nach dem Kino als Quengelware in der Burger-Bude stehen. Cyclops, Storm, Logan und die anderen werden über die Menschheit kommen wie Pokémon. Merken Sie sich während der Vorstellung ruhig schon mal die Namen. Und nehmen Sie zur Beruhigung den ganz großen Eimer Popcorn.

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