Kultur : Xavier Naidoo

Diese Woche auf Platz 1 mit: „Telegramm für X“

Ralph Geisenhanslüke

Worte über Worte. Beats über Beats. Schwellende Akkorde, opulente Arrangements. 14 Songs. Dazu, ohne Aufpreis, 170 Minuten auf DVD. Xavier Naidoo weiß, was der Käufer in harten Zeiten will – und verströmt sich hemmungslos. Siehe da: Ein Sänger aus Mannheim, Sohn einer Südafrikanerin und eines Vaters mit indischen Vorfahren, lässt Robbie Williams und Madonna hinter sich.

Naidoos mittelständisches Entertainment-Imperium hat sein Handwerk unermüdlich verfeinert. Die Produktion ist das, was Musiker „amtlich“ nennen. Fett, dynamisch und nuanciert zugleich. Auch Kompositionen und Arrangements werden keinen Augenblick langweilig. Hiphop, R’n’B, Ragga, Rock und Jazz – in Naidoos Sound vereinigt sich alles zu einem kräftigen Strom.

Trotzdem zeugte es bislang von steilem Stilempfinden, Naidoo zu mögen. Er polarisiert mit seinem Bekenntnis zum christlichen Glauben. Seine Vorstellung von Mannheim als Jerusalem und dem Kaiserstuhl als Berg Zion hat ihn zwangsläufig zum „Jesus der Hitparaden“ gemacht. Nun, er kann auch anders. Politischer zum Beispiel wie in „Abgrund“. Die Predigt über unfähige Politiker und „ungerechte Steuern“ erscheint zwar ähnlich kraus wie sein Psalmodieren. Aber insgesamt wirken Naidoos Texte wie ein redlicher Versuch, in einen Bereich vorzudringen, für den es in der deutschen Popmusik selten Worte gibt: die Seele. Soul eben. Da sollte man, wie bei vielen englischsprachigen Songs auch, gelegentlich Milde walten lassen und dem semantischen Verstand mal einen Tag Urlaub geben. Aber Telegrammstil ist das natürlich nicht.

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