• Yasmina Rezas "Kunst": Trio des Wiedersehens - Die glorreichen Drei streiten wieder am Berliner Renaissance-Theater

Kultur : Yasmina Rezas "Kunst": Trio des Wiedersehens - Die glorreichen Drei streiten wieder am Berliner Renaissance-Theater

Rüdiger Schaper

Unvergesslich: die drei Kerle auf dem blauen Sofa, feixend, weinend, zickend, triumphierend, niedergeschlagen, närrisch. Der Beginn oder das Ende einer wunderbaren Freundschaft; man weiß es nicht. Unvergesslich: Udo Samels cholerische Exzesse, Gerd Wamelings Naivität und Niedertracht, Peter Simonischeks Litanei männlichen Leidens. Unvergesslich: dieses Ballett der Blicke, diese Pausen, dieses Schweigen.

Yasmina Rezas "Kunst" ist wieder da. Umgezogen von der Schaubühne ans Renaissance-Theater. Und man sieht: Dies Stück ist wie geschaffen für das Schmuckkästchen an der Hardenbergstraße. "Kunst" ist ein Theatermythos, eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte. Seit der Pariser Uraufführung vor sechs Jahren hat Rezas Komödie von Sidney bis New York, von Tokio bis Tel Aviv, von Bangkok bis Moskau in 36 (!) Sprachen reüssiert. "Kunst" ist universell, und "Kunst" ist ein Berliner Phänomen, das nachdenklich stimmt. 240 Vorstellungen hat das Trio Samel-Wameling-Simonischek an der alten Schaubühne gespielt - und seither gibt es in dieser Stadt für diese wunderbaren Schauspieler nichts mehr zu tun. Wo sind die Bühnen, die Intendanten, die Regisseure, die mit den Berliner Stars arbeiten wollen und arbeiten können? Und was ist aus dem Renaissance-Theater geworden, das nur mit einer aufgefrischten Legende aus einem anderen Haus und einer anderen Zeit mal wieder Aufmerksamkeit genießt?

Es soll ja seinerzeit, als "Kunst" an der Schaubühne seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, Kritiker gegeben haben, die das Stück für reaktionär hielten, weil es angeblich populäre Vorurteile gegen abstrakte Malerei ausschlachtet, und die der Meinung waren, dass Boulevard am Lehniner Platz nichts zu suchen habe. "Kunst" hat wirklich viele komische Seiten.

Yasmina Rezas lustiges Trauerspiel - und darin liegt das Vertrackte, das Bemerkenswerte und das Schöne auch bei dieser Wiederaufnahme - handelt ja durch und durch vom Schein und vom Nicht-Sein. Von unsichtbaren Dingen auf dem weißen Bild, um das sich vordergründig alles dreht, und Menschen, die nicht anwesend sind, aber in jeder Sekunde präsent. Von Yvans, Peter Simonischeks Braut zum Beispiel, von seiner tyrannischen Familie. Von Marcs, Udo Samels Lebensgefährtin Paula, die man sich als problematisches Weibsbild zu denken hat, und wieder und wieder von Serges, Gerd Wamelings 200 000 Francs-Gemälde, mit dem er gleichsam zusammenlebt, nach einer gescheiterten Ehe.

So ließe sich die Liste der (tragikomischen) Verluste fortsetzen: Wo bleibt die Kunst nach "Kunst", warum gibt es in Berlin diese schauspielerische Leere? Und so wird Serges Liebesbeweis, Marcs bilderstürmerischer Akt, wenn er das weiße Bild mit Filzstift attackiert, zum Symbol. Marc pinselt einen Skifahrer auf die weiße, leere Leinwand. Nachher - der Filzstift war abwaschbar - einigen sich die drei Freunde auf die haarsträubende, herzzerreißend komische Interpretation, dass man bei dem weißen Bild (der "weißen Scheiße", notabene) das Portrait eines Menschen vor sich habe, der durch einen Raum gegangen und verschwunden sei. Was Geheimnis und Fluch aller Schauspielkunst ist. Das Nichts. Das Gewesene. Die Erinnerung.

Da sind sie nun wieder. Und sind doch andere. Udo Samel: Seine Figur, die an Bert aus der Sesamstraße erinnert, hat noch mehr von Molières "Menschenfeind" angenommen. Gerd Wameling: Er wirkt seriöser, aber auch fieser. Peter Simonischek: immer noch der gutmütige Versager, er scheint sich wenigsten verändert zu haben. Sie lassen sich mit fabelhafter Laune auf das Abenteuer ein, das darin besteht, die Routine zu besiegen und aus dem perfekten aufeinander Eingespieltsein einen frischen Lustgewinn herauszuholen, wie in einer älteren Beziehung oder Ehe - zu dritt. Man reibt sich die Augen: Verlief der permanente Seiten- und Frontenwechsel damals anders? Ging das nicht alles irgendwie langsamer, auf breiterer Bühne? Hat sich der Psychokrieg verselbständigt? Aber das wäre dann auch gerade so wie im Leben.

Sie haben mit ihrem Regisseur Felix Prader wieder geprobt, sich eingestellt auf den neuen Raum, nach einer "Kunst"-Pause von anderthalb Jahren. Manchmal scheint es, als redeten sie zu schnell und zu leise. Aber das liegt auch am Publikum, an den "Kunst"-Fans. Die lachen los, die klatschen vor Freude in die Hände, noch ehe die Pointen ausgespielt sind. Nein, Reis werfen sie nicht im Renaissance-Theater, doch es ist ein Kult-Stück, das viele Zuschauer zum x-ten Mal sehen, und die Atmosphäre erinnert an die alten Zeiten, als man einmal pro Woche rituell in die "Rocky Horror Picture Show" ging. Unvergesslich.

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle: Das Trio, der große Yvan und Marc und Serge, die beiden Kleinen, feiert einen Triumph des Wiedersehens. Der Oldie "Kunst" wird nun der Berliner Sommerhit! Im Herbst inszeniert Luc Bondy an der Wiener Burg die Uraufführung des neuen Stückes von Yasmina Reza: "Drei Mal Leben". Mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe. Auch nicht schlecht.

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