Yoga à gogo : Rundfunkchor im Berghain

Der Rundfunkchor Berlin entert den Club Berghain: Nicht ganz ungefährlich ist der Ort, den sich der Rundfunkchor für sein Prestigeprojekt ausgesucht hat.

Jörg Königsdorf

Denn mit der Betonarchitektur des Berghain verhält es sich wie mit den Museumsbauten moderner Stararchitekten: Zwar wirkt alles in diesem Rahmen irgendwie eindrucksvoll, aber zugleich ist der Bau selbst schon so wirkungsmächtig, dass er für Kunst nicht viel Raum lässt. Diese Erfahrung musste schon das Deutsche Theater mit Strindbergs „Traumspiel“ machen, und auch Gustav Holsts Indien-Oper „Savitri“ bleibt hier im stimmungsvollen Ungefähr eines Happenings.

Ohnehin wundert es, dass sich Chorchef Simon Halsey dieses Stück des 1874 geborenen „Planeten“-Komponisten für seine Reihe „Broadening the scope of choral music“ ausgesucht hat. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Erfolgsstücken der Reihe ist der Chor hier nur Nebendarsteller: Die Damen können lediglich mit ein paar ätherischen Vokalisten und einigen zusätzlich implantierten, überraschend schmissigen Veda-Hymen aus Holsts Feder auf sich aufmerksam machen, der Rest ist eine große Opernszene mit kammermusikalisch diskreter Begleitung: Die Geschichte von Savitri, die dem Tod entgegentritt, um den sterbenden Gatten zu retten, klingt so wenig nach Indien wie Lehárs „Land des Lächelns“ nach China. Stattdessen dominiert in dem Stück von 1916 der große Opernton der Nachwagnerzeit – als ob der Komponist die verzehrenden Leidenschaften des „Tristan“ und den Rätselton von Debussys „Pelléas“ in ein kleines Reagenzglas gepresst und ordentlich durchgeschüttelt hätte.

Susan Bickley füllt den Raum mit edelmetallischem Isoldenton, Christopher Gilletts Tenor kündet von der Gewissensreinheit des sterbenden Gatten Satyavan, und Konrad Jarnot ist ein Tod mit unerschütterlicher Autorität. Auf der großen Feuerleiter im Obergeschoss müssen sie sich zwar weitgehend auf ausdrucksvolles Herumstehen beschränken, doch zum Ausgleich erinnern drei Tempeltänzerinnen als Nirwana-Go-gos mit yogainspirierten Verrenkungen (szenische Realisation: Lars Scheibner) daran, dass die Geschichte in Indien spielen soll. Im Berghain ist auch schon schlechtere Musik gespielt worden.

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