Yoji Yamada : Meister aus Versehen

Yoji Yamada, Regisseur des Abschlussfilms "Otouto", erhält die Berlinale-Kamera. Eine Begegnung.

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Eigentlich sei er wie ein Nudelkoch, sagte Yoji Yamada einmal: Eine Portion nach der anderen tischt er auf und versucht dabei, beständig und hochwertig zu bleiben. Heute Abend nun wird der letzte der großen japanischen Altmeister für sein Lebenswerk geehrt, ein Werk aus 106 Drehbüchern und 78 Filmen, so beständig, dass es sogar ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen wurde.

Fast 30 Jahre lang setzte Yoji Yamada für das japanische Traditionsstudio Shochiku die heiter-sentimentale „Tora-San“-Reihe in Szene. Es ist die am längsten laufende Serie der Fernsehgeschichte: Tora-san, ein erfolgloser Handelsreisender, tourt durch die Provinz, verliebt sich und kriegt das Mädchen dann doch nicht. „Ich stand schon immer aufseiten der Verlierer“, sagt Yamada rückblickend. „Ich erzählte gerne von Menschen, die es im Konkurrenzkampf nicht nach oben geschafft haben.“

Über 80 Millionen Menschen haben seine Tora-San-Filme gesehen, fast alle der 48 Folgen schrieb und inszenierte er selbst. In seiner Heimat ist Yoji Yamada eine Legende: Die Ausstrahlungen, meist zwei Mal im Jahr zu den wichtigen Feiertagen, waren ein Familienereignis. International bekannt wurde er allerdings erst in einem Alter, da andere mit dem Filmemachen schon aufgehört haben. Yoji Yamada ist einer jener wenigen Regisseure, die nach langer Karriere mit dem Spätwerk erst ihre ganze Meisterschaft entfalten.

Dabei wollte Yamada nicht zum Film, als er jung war, und Regisseur wollte er schon gar nicht werden. In den Fünfzigern war Japan ein armes Land, Arbeit gab es kaum. Nach dem Jura-Studium versuchte Yamada bei Verlagen unterzukommen, dann beim Radio, schließlich beim Film. Das Shuchiko-Studio akzeptierte. „Es war Glück und Zufall zugleich. Nicht ich wählte den Film, der Film wählte mich.“

Die japanische Filmindustrie war damals geprägt von einem Studiosystem, das auf eine strengen Trennung der Genres setzte. Die Neue Schule bevorzugte zeitgenössische Dramen und Komödien (shomin-geki), die Alte Schule sah sich historischen Samurai-Stoffen verpflichtet (jidai-geki). Shochiku, das modernste Studio der Zeit, produzierte realistische Filme aus dem Alltag des Mittelstandes. „Wir schauten auf die Samurai-Filmer herab. Für uns war das altmodisch.“

Wer sich einem Studio angeschlossen hatte, war wie das neue Mitglied einer großen Familie. Alle Angestellten trugen den hauseigenen Stil mit, das ergab sich ganz zwanglos, denn man lernte sein Handwerk direkt am Set, bei der Arbeit, von den etablierten Filmemachern. Yamada arbeitete einige Jahre als Autor und Regieassistent, dann schlug ihn jemand für Regie vor. So wurde Yoji Yamada fast unabsichtlich zum Regisseur leichter Tragikomödien – jenes Genre, in dem er es später zu großer Meisterschaft bringen sollte. „Ich bin froh, dass ich zu einer Zeit anfangen durfte, als es das Studiosystem noch gab. Bei Shochiku lernte ich, worauf es ankommt: Beobachtungsgabe und Humor.“

Yamadas Humor allerdings, dieser leichte, mal melancholische, mal heitere Tonfall selbst in seinen Dramen, ist keine Sache, die sich leicht planen ließe. „Der Humor liegt in den Kleinigkeiten, die der Zuschauer für sich entdecken kann, in kleinen Gesten, die ihn an sich selbst erinnern“, sagt Yamada. Während der Arbeit fällt ihm meist gar nicht auf, dass etwas lustig ist. „Die komischen Stellen entdecke ich erst bei der Vorführung im Kino, gemeinsam mit meinen Zuschauern.“ Für Yamada ist das auch heute noch ein aufregender Moment. „Ich fühle mich dann wie ein Täter vor Gericht.“

Als 1996 der Tora-San-Darsteller starb und wenig später das Shochiku-Studio in Tokio geschlossen wurde, wich Yamada nach Kyoto aus. Dort aber hatte Akira Kurosawa einst die wenigen Samurai-Experten des Hauses Shochiku versammelt. Dort weiß man, wie der Samurai sein Schwert zieht, wie er seine Haare trägt, sogar die Statisten kennen den richtigen Gang genau. „Ich fragte die Setdesignerin: wie wurde damals Feuer gemacht? Sie nahm zwei Steine, machte Feuer und brauchte dafür nur einige Sekunden.“ Es war Zeit, etwas Neues zu versuchen. Für den damals 70-Jährigen war es noch einmal wie am Anfang der Karriere: Er lernte das Samurai-Handwerk auf dem Set.

Lange hat es gedauert, bis sich Yamada dem Samurai zuwandte, doch dann gelang ihm etwas, das wohl nur über diesen Umweg möglich war. In seiner berühmten Samurai-Trilogie (2002-2006) entblätterte er den Mythos, bis nur noch die karge Substanz eines persönlichen Dramas übrig war. Yamadas altersweiser Blick auf Japans Heldenklassik ist nicht nur für seinen Realismus bemerkenswert, sondern für den Versuch, den Widerstreit von Giri (Treuepflicht) und Ninjo (Menschlichkeit) an das Private anzubinden. Die Endzeit-Eastern „Twilight Samurai“, „Hidden Blade“ und „Love and Honor“ zeigen den Samurai in Armut, privatem Missgeschick und beruflicher Stagnation, erfüllt vor allem von Alltagsmüdigkeit. Yamada hatte shomin-geki und jidai-geki verschmolzen.

Sein genauer Blick, sein menschenfreundliches Erzählen, behutsam und streng zugleich, waren jetzt voll ausgereift. Auch in seinem Kriegsdrama „Kabei“ (2008 im Wettbewerb) interessierte Yoji Yamada sich nicht für das Kriegsgeschehen, sondern warf ein Licht auf das, was sonst unsichtbar bleibt: den Alltag an sich. Mit „Otouto“, dem diesjährigen Berlinale-Abschlussfilm, kehrt der 78-Jährige nun zur Alltagskomödie zurück, und wieder wird ein Außenseiter und Tunichtgut, der ungeliebte kleine Bruder, im Mittelpunkt stehen. Kein Bild und keine Geste sind zu viel in diesen Filmen, die zwar verhalten sind und oft ein wenig traurig, aber zugleich konzentriert, hell und schön.

„Menschen beobachten, diese Beobachtungen reflektieren und sie dann in den Film einfließen lassen, das ist die Aufgabe eines Regisseurs“, sagt Yoji Yamada. „Wenn die Zuschauer den Film dann sehen, können sie mit den Figuren fühlen, weil sie sich selbst darin erkennen. Für mich ist das die Essenz des Kinos: Die Menschen im Saal kommen zusammen mit den Menschen auf der Leinwand.“

Heute um 19 Uhr Preisverleihung, anschließend „Otouto“ (Berlinale Palast), sowie am 21. 2., 10 Uhr (Friedrichstadtpalast) und 14.30 Uhr (Berlinale Palast)

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