Young Euro Classic : Brandung der Gefühle

Das Baltic Youth Philharmonic mit Nachwuchstalenten aller Ostsee-Anrainerstaaten begeistert bei der Young Euro Classic mit einem "Klassik-Programm, voll rock'nRoll".

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So funktioniert der perfekte „Young Euro Classic“-Abend: Erst macht Orchesterpate Boris Aljinovic das Publikum mit seiner ebenso vorbildlich knappen wie cool geschauspielerten Begrüßung heiß auf ein Programm „voll Rock’n’Roll“ – und dann kann das Baltic Youth Philharmonic dieses Versprechen auch tatsächlich einlösen.

Ausschließlich Werke des 20. Jahrhunderts hat der Dirigent Kristjan Järvi für das Gastspiel seines Jugendorchesters aus Nachwuchstalenten aller Ostsee- Anrainerstaaten im Konzerthaus ausgewählt, zwei moderne Klassiker, eine Uraufführung und – mit der „Rock Symphony“ des Letten Imants Kalnins – ein Dokument aus der jüngeren Musikgeschichte. Unglaublich, dass ein so zahmes Stück, das nach dem Prinzip von Ravels „Bolero“ eine mainstreamige Melodie im bombastic sound breitwalzt, die sowjetischen Behörden 1972 zur Weißglut reizen konnte. Die Band des gleichermaßen in der E- wie der U-Musik aktiven Komponisten war zwei Jahre zuvor verboten worden, mit dem Einsatz eines Drum-Sets in seiner 4. Sinfonie löckte er nun weiter gegen den Stachel der offiziellen Kunstdoktrin – das allein genügte, um ihm in seinem Heimatland Kultstatus zu sichern. Heute sitzt der Künstler im lettischen Parlament.

Viel faszinierender als Kalnins’ simplen Rock-Beats allerdings ist die rhythmische Komplexität von Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“, die Kristjan Järvi in den Mittelpunkt des Programms stellt. Mit seinen Musikern gelingt ihm eine Interpretation, die in ihrer radikalen Modernität, ihrer archaischen Wildheit deutlich macht, warum die Uraufführung 1920 einen regelrechten Schock beim Pariser Zuhörer ausgelöst hat. Die Musiker spielen an diesem von Jubel umtosten Abend im restlos ausverkauften Konzerthaus-Saal überhaupt mit einer hinreißenden Leidenschaft. Weil aber nicht nur der emotionale Einsatz sehr hoch ist, sondern auch das spieltechnische Niveau, entsteht dabei nie jene wuchtige Lärmigkeit, die dem Konzertgänger bei mittelmäßigen Jugendorchestern schnell die Freude am Zuhören verleidet.

Großartig, wie die Musiker von der Ostsee Jean Sibelius’ 7. Sinfonie aufhellen, die sich der Komponist 1924 im Zustand alkoholbenebelter Verzweiflung abgerungen hat: Als wäre diese Partitur mit leichter Hand hingeworfen, so lebendig schlägt hier der Puls, so glutvoll durchströmt eine menschliche Wärme diese Musik, die Järvi in eine nachgerade lohengrinhafte Apotheose münden lässt.

Zwischen den Meisterwerken gibt’s Jugendorchesterfutter, fetzige Unterhaltungsmusik, die den Ausführenden ebenso viel Spaß macht wie dem Publikum: Neben der erwähnten „Rock Symphony“ Daniel Schnyders brandneuen „Parcour Musical“, der mit mal jazzigen, mal südamerikanischen Rhythmen die ganze Virtuosität der Instrumentalisten fordert, vor allem aber Kristjan Järvi zu einem seiner berühmten Travolta-Tänzchen auf dem Dirigentenpult animiert.

Bei den krachenden Zugaben von Carl Nielsen, Tschaikowsky und Hugo Alfven erreicht die Stimmung dann fast jene hitzige Überdrehtheit, die man von Gustavo Dudamel und seiner venezolanischen Powertruppe kennt. Auf baldiges Wiederhören! Frederik Hanssen

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