Kultur : "young.euro.classic": Der Stoff, aus dem der Frieden ist

Volker Michael

Beinahe hätte Alfred Biolek einen Talk-Abend draus gemacht. Der Fernsehkoch hatte sich das bedeutendste nationale Jugendorchester Israels für eine Patenschaft ausgesucht. In seiner Einleitung überschüttete er den Saal förmlich mit staunendem Vorschusslob. Äußerst selten genießt ein Uraufführungswerk die volle Sympathie des Publikums, noch bevor ein einziger Ton erklungen ist. Bei der "Ellef Symphony" (Millennium Symphonie) des 25-jährigen israelischen Komponisten Avner Dorman war das der Fall: dank Bios geschickt moderierter Info, dass ja des Komponisten Großmutter aus Berlin stamme.

Der junge Mann erwies sich als ebenso showtauglich: Wenn er die älteren Damen im Publikum so sähe, überlege er, ob sie vielleicht seine Oma gekannt hätten. Diese leicht geschwätzige Atmosphäre aufzulösen, hatten die Musiker einige Mühe. Dorman liebt die große Geste: "Leben und Tod" in drei jüdischen Gedichten aus dem letzten Millennium. Vom flimmernden Streicherton für mittelalterliche Mystik, gewaltigen, kompliziert geschichteten Akkorden für "das Pogrom", bis zum simpel-zarten Motiv in Flöte, Glockenspiel und Klavier über einem Wohlklang - so formuliert Dorman seine "Message of Peace". Es fehlt die Ruhe zur musikalischen Entwicklung, wichtiger scheint das Erzeugen von Stimmungen.

Bravourös geriet die Aufführung der Nocturne für Flöte und Orchester "Halil" von Leonard Bernstein. Die 24-jährige Solistin Esti Rofe stellte ihren schlanken Ton allein in den Dienst des Werks. Bernstein hat seine dichte, wenngleich eingängige Komposition einem ihm unbekannten israelischen Flötisten gewidmet, der als 19-Jähriger im Yom-Kippur-Krieg umgekommen war. Mit dem Thema der Sinnlosigkeit des Todes setzte er sich aber - anders als Dorman - mit Hilfe rein musikalischer Kontroverse auseinander, der von herkömmlicher Tonalität und Dodekaphonie. Mit großer Präzision gingen die Musiker unter Leitung ihres langjährigen Chefdirigenten, Zeev Dorman, Bernsteins Klangideen nach. Nicht nur die Flötenkadenz in Begleitung weniger Schlagzeugmarkierungen - alles wirkte wie hingetupft in nächtlichen Farben. Fulminanten Spaß vermittelte das Orchester, das zu zwei Dritteln aus osteuropäischen Einwanderern besteht, bei Prokofjews Fünfter Sinfonie. In dieser Klangwelt fühlten sie sich zu Hause, auch wenn die Blechbläser bisweilen übertrieben und Dorman senior die Streicher vergeblich anzustacheln versuchte. Auch fehlten manchmal die Ironie und ein gewisser Sarkasmus bei den tänzerischen Passagen des zweiten und vierten Satzes.

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