Kultur : "young.euro.classic": Die Baumrindenkost

Ulrich Amling

Leif Segerstam kam, und die Festival-Routine von "Young Euro Classic" stand Kopf. Anstelle des erkrankten Paten Daniel Libeskind tänzelt der 56-jährige Dirigent und Komponist aus Finnland auf die Bühne des Konzerthauses: eine Erscheinung wie ein Bergmassiv. Mit seiner wirren Haarpracht scheint Segerstam einer dunklen Volkssage seiner Heimat entsprungen, seine Worte aber sind von lichtem Witz. An Libeskind sendet er magische Vibrationen, kippt kurzerhand Kagels obligatorischen "Fanfanfaren"-Auftakt, reißt die Arme hoch - und schon befindet sich das Sibelius Academy Symphony Orchestra mitten in der Auftragskomposition des Abends.

Zart schwebend beginnt Magnus Lindbergs "Cantigas", Segerstam öffnet mit großer Geste einen Klangraum voller Luft und Weite. Der aber wuchert schnell wieder zu: Die Quinten, auf die Lindberg seine Komposition aufgebaut hat, verzweigen sich zu einem finsteren Organismus. In ihm pulsiert es in vielen Zellkernen, doch wohin dieses Wimmeln führt, verrät Lindberg nicht. Segerstamm seinerseits gibt mulmigen Gefühlen keine Chance und verspricht mit der Uraufführung seines 9. Violinkonzertes sogleich ein "kammermusikalisches Happening". Dafür räumt der Maestro sogar sein Dirigentenpult, schließlich sollen die Musiker die für sie bestimmten Noten spielen können, wann immer sie es für richtig halten. Über den Köpfen des jungen Orchesters beziehen unterdessen die geigenden Brüder Pekka und Jaakko Kuusisto Stellung, deren Spiel nach dem Willen von Segerstam zwei Drachen charakterisieren soll: der eine ein ernster "philosophischer Barde", der andere ein wilder "Karussell-Schmetterling". Die Einführung in diese "Visionen am Määr-See" getaufte Konstruktion gelingt dem Komponisten unwiderstehlich sympathisch, die Aufführung dagegen selten.

Das Orchester hat viel zu viel Material auf den Pulten, um spontan "kreatives Adrenalin" zu entwickeln, wie Segerstam sich das gewünscht hatte. Such is Leif. So entwickelt der härteste Brocken des Abends am Ende die größte suggestive Kraft: die vierte Symphonie von Sibelius. Jener kargen Komposition, der die Finnen in Erinnerung an die Hungerjahre, in denen die Menschen Baumrinde aßen, den Beinamen "Barkbröd-Sinfonie" gaben, nähert sich Segerstam wenig diätisch. Aus den Streichern formt er einen vollen Klang, der stets eine herbe Note behält, jeder heroische Bläseraufschwung erstirbt, die musikalische Alltagswelt versinkt. Das berührende Psychogramm eines Abschieds.

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