Kultur : "Young Euro Classic"-Festival: Diskutieren mit Katrin - Berliner Publikumsjury gesucht

Frederik Hanssen

Wie ging doch gleich der "Sesamstraßen"-Song: "Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!" Katrin Zagrosek ist wild entschlossen, Fragen zu stellen. Nicht nur, weil sie klüger werden will, sondern auch, weil sie 10 000 Mark zu vergeben hat - im Auftrag des Berliner Senats. Mit der runden Summe soll das beste Stück belohnt werden, dass im August beim Jugendorchesterfestival "Young Euro Classic" in Berlin seine Uraufführung erlebt. 17 nationale Nachwuchsensembles treten an, alle mit einem neuen Werk eines Komponisten ihres Landes. Damit dürfte "Young Euro Classic" nicht nur zu einer Hauptattraktion des Berliner Sommers werden, sondern auch zu einer Art zweiter Europameisterschaft. Diesmal für Moderne Musik. Und Kartin Zagrosek ist die Vorsitzende der Publikumsjury.

"Als mir die Festivalorganisatoren vorgeschlagen haben, die Jury zu leiten, wollte ich zuerst ablehnen", gibt die 24-jährige Kultur- und Musikwissenschaftsstudentin offen zu, "In den Jurys, die ich kannte, saßen immer ältere Herren, die sich seit Jahrzehnten mit dem jeweiligen Thema beschäftigten." Schließlich hat sie aber doch ja gesagt - unter einer Bedingung: "Dass die Preisrichter nicht nur ein Kreuzchen auf ihrem Zettel machen, sondern dass wir wirklich gemeinsam über die Stücke diskutieren." Dabei soll es ab er keineswegs musikwissenschaftlich zugehen. "Jeder kann bei uns mitmachen, je unterschiedlich die Hintergründe der Leute sind, desto besser."

Die Bereitschaft, sich auf die neuen Stücke einzulassen, ist die einzige Bedingung für die Bewerbung. "Ich wünsche mir, dass sich eine Gruppe vom Studenten bis zur Kindergärtnerin zusammenfindet. Dann werden unsere Diskussionen am spannendsten." Zum Beispiel darüber, ob es dem Komponisten gelungen ist, Spannung aufzubauen, seine Hörer mitzunehmen, die Aufmerksamkeit durch einen geschickten Aufbau des Werks zu fesseln. "Das kann jeder Hörer beurteilen", findet Katrin Zagrosek, "natürlich aus seiner ganz persönlicher Perspektive."

Dass sich auch Katrin Zagrosek nicht als Fachfrau bezeichnet, ist allerdings leicht untertrieben. Zwar studiert sie erst seit vier Semestern Musikwissenschaft an der Humboldt-Uni, doch sie ist auch die Tochter des Dirigenten Lothar Zagrosek, einem unermüdlichen Kämpfer für die Sache der musikalischen Moderne. Klar, dass sie von Hause aus früher und intensiver mit Zeitgenössischem in Berührung gekommen ist als die meisten ihrer Generation. Und doch will sie das Argument ungern gelten lassen. Als "Tochter vom Zagrosek" aufzutreten, ist ihre Sache nicht. Dafür ist die 24-Jährige selber viel zu ehrgeizig. Sie will ihren Weg alleine machen. Katrin Zagrosek weiß genau, was sie nicht will. "Musik konsumieren" gehört dazu: "Gerade wenn ich neue Werke höre, möchte ich darüber sprechen, hinterfragen was ich gehört, was ich empfunden habe."

Und sie will andere zum aufmerksamen Hören verführen. Im letzten Jahr ist sie beispielsweise mit einer Kommilitonin durch Berliner Schulen getingelt, um Klassen auf ein Konzert vorzubereiten, bei dem ein Stück des zeitgenössischen Komponisten Vinko Globokar gespielt wurde. "Das wurden wir mit echten hard-core-Fragen konfrontiert, nach dem Motto: Warum soll das Kunst sein? Eine Erfahrung, die mir auch geholfen hat, mir über meinen eigenen Zugang zur Musik klar zu werden." Das Projekt wurde ein Erfolg und Kartin Zagrosek vom Konzerthaus für den Juryvorsitz des Jugendorchesterfestivals vorgeschlagen.

Wie ernst sie ihre Aufgabe nimmt, zeigt auch, dass sie sich eine zweite Auswahlrunde ausgedacht hat. Nach den Live-Erlebnissen im Konzert bekommen alle Jury-Mitglieder einen Mitschnitt der gehören Stücke auf Kassette - damit sie sich vor der Siegerkür zu Hause in Ruhe noch einmal die entscheidenden Fragen sollen können: Wieso? Weshalb? Warum?

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