Young Euro Classic : Kichern statt prügeln

Die Junge Deutsche Philharmonie gestaltet für Young Euro Classic einen Tag voller Experimente. Nicht jeder Ansatz ist schlüssig und durchdacht.

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Drei Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie.
Drei davon. Die basisdemokratische Junge Deutsche Philharmonie.Foto: Kai Bienert

Am Ende, als die letzten Takte der „Jupiter“-Sinfonie verhallt sind, hat man manches gelernt. Nicht unbedingt über Mozart, aber über Neue Musik, wie sie entsteht, wie sie rezipiert wird. Der ganze Sonntag bei Young Euro Classic war ihr gewidmet, bestritten von der Jungen Deutschen Philharmonie. Das basisdemokratisch organisierte Orchester aus Musikstudierenden mischt gerne den oft in eingespielter Routine festgefrorenen Konzertbetrieb auf.

Also wurde am Vormittag im Admiralspalast das legendäre Watschenkonzert vom 31. März 1913 im Wiener Musikvereinssaal reinszeniert, bei dem Stücke von Webern, Zemlinsky, Schönberg und Berg erklangen. Damals prallten 19. und 20. Jahrhundert unversöhnlich aufeinander, Gegner und Befürworter der „Neutöner“ lieferten sich eine herzhafte Prügelei. Lange vorbei, heute, über 100 Jahre später, braucht es einen Skandalforscher in Gestalt des Musiksoziologen Christian Kaden, um zu erklären, was die Leute damals so erzürnt hat.

Am Abend noch mal Schönberg: Seine „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ op. 34. Ein kunstautonomer Soundtrack zu einem nie gedrehten Film. Mit Zärtlichkeit und gleichzeitig sehr transparent durchleuchten die Musiker die Strukturen des Stücks. Schön, denkt man, Neue Musik ist angekommen, zumindest in ihrer frühesten Version.

Doch dann: ein von Emmanuel Nunes in seinem Todesjahr 2012 auf Elias Canettis Roman „Die Blendung“ komponiertes Werk in Kooperation mit dem Experimentalstudio des SWR. Arg verkopft, wirkungslos. Musik, die zu viel will. Eingespielte Sprachfetzen und darauf komponierte Klangfigurationen, die das Prinzip von Canettis Roman in Musik umsetzen sollen: dass Kommunikation nicht möglich sei und Sprache das Verständnis behindert, nicht ermöglicht. Das Prinzip hat man nach zwei Minuten verstanden, danach ist es nur noch langweilig. Das Parkett bleibt kühl, eine Frau kann nicht aufhören mit dem Kichern, weil sie nicht weiß, wie sie sich verhalten soll.

Plötzlich wirkt 1913 gar nicht mehr so weit weg. Die gleiche Ablehnung, das gleiche Fremdeln. Klar, heute gibt’s keine Prügel mehr. Aber vielleicht kommen die Watschen von damals heute im Gewand höflichen Applauses daher. Damit soll allerdings nicht gesagt sein, dass ein Komponist wie Emmanuel Nunes ähnlich genial und verkannt sei wie Berg oder Schönberg. Ist er nicht. Und kein Publikum hat automatisch unrecht, wenn es neue Musik ablehnt. Wie viel hat etwa Verdi nach desaströsen Premieren umgeschrieben, was erst danach zum Welterfolg wurde?

Ungewollt zeigt die Gegenwartsmusik an diesem Abend, wie schwer sie es sich selbst macht, indem sie die elektronische Schraube immer weiterdreht. Das Siegerstück des Composer Slams vom Nachmittag, „Überzeichnungen II–VII“ von Benjamin Scheuer, ist ausgerechnet das technisch komplexeste von allen – und prompt gibt es Schwierigkeiten, der große Saal ist halt doch etwas anderes als das Studio, Orchester und Techniker sind überfordert. Die Pause zieht sich, schließlich die Kapitulation: Das Stück muss ausfallen. Unendlich schade für den Komponisten, aber auch das Publikum.

So rettet’s einmal mehr Mozart, ganz ohne Zuspielung und Live-Elektronik. Fließende, hingebungsvolle Gestik des jungen Dirigenten Michael Wendeberg. Unerklärlich, wieso die C-Dur-Sinfonie trotzdem akademisch und trocken klingt. Ist es die Aufregung? Der letzte Satz mit seinen olympischen Fugato-Passagen gelingt vitaler. Aber das Stück, das an diesem seltsamen Abend am meisten überzeugt hat, war Schönbergs Filmszene zu Beginn. Er hätte sich gefreut.



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