Young Euro Classic : Notfalls ohne Noten

Das "O Modernt Kammarorchester" aus Schweden trifft beim Young Euro Classic-Festival auf Musiker aus Indien

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Das O/Modernt Kammarorkester mit Cellist Matthew Barley, Tabla-Spieler Sukhvinder Singh und Sarod-Spieler Soumik Datta
Das O/Modernt Kammarorkester mit Cellist Matthew Barley, Tabla-Spieler Sukhvinder Singh und Sarod-Spieler Soumik DattaFoto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Jede Grenze scheint durchlässig, wenn man die Podien von Young Euro Classic betrachtet. Junge Musiker, deren Eltern Krieg gegeneinander geführt haben, spielen neben großen Klassikerbrocken Neues aus jeweils heimischer Musikproduktion zusammen. Internationaler Austausch über Kontinente und Religionen hinweg ist so selbstverständlich wie ein hohes Ausbildungsniveau. Doch eines bleibt selbst bei diesem Festival der offenen Ohren noch Besonderheit: die Ankündigung von Improvisationen. Die Trennlinie zwischen notierter Musik und einer Kultur des freien Variierens erweist sich als unerwartet widerständig.

Beim Auftritt des O/Modernt Kammarorkester aus Stockholm wird eine Halbzeit vom Blatt gespielt, während die zweite mit indischen Solisten in die Freiheit vorzustoßen verspricht. Das schwedische Streicherensemble unter Leitung von Hugo Ticciati, dem älteren Bruder des künftigen DSO- Chefs, fesselt vom ersten Takt an: Was für eine zarte Homogenität im Spiel und wie viele Farben darunter. Arvo Pärts „Silouan’s Song“ schwingt sich mit hypnotischer Kraft empor, bevor plötzlich ein Sarod-Spieler auftaucht und einen näselnden Einwurf vor dem Violinkonzert von Peteris Vasks hinterlässt. Das „Fernes Licht“ benannte Werk gibt Ticciati Gelegenheit, seiner Harry-Potter-Erscheinung dämonische Aspekte hinzuzufügen: Er ist ein zu allem bereiter Solist, der seine Streicherkollegen mit einer Lust an Differenzierung ansteckt, die Vasks’ irrlichternde Musik zu einem Lichtblick werden lässt.

Toll: Die Streicherversion von Lennons "Across the Universe"

Nach der Pause gruppiert sich auf der Bühne alles barfuß oder strumpfsockig um den Tabla-Spieler Sukhvinder Singh. Seine Begrüßungsgesten holen weit aus, die musikalische Bandbreite seiner Guhm-tack-Variationen dagegen ist überschaubar. Sarod-Spieler Soumik Datta zupfte sein Gitarreninstrument schon für Beyoncé, ein Innovator des musikalischen Dialogs ist auch er nicht. Cellist Matthew Barley hat in Indien spirituelle Einblicke erlebt, die im Konzert nur zu erahnen sind. Vor allem: Das wunderbare O/Modernt Kammarorkester muss meist schweigen oder darf nur kleine Einwürfe vom Blatt beisteuern. Echtes Improvisieren geht anders. Zum Glück bleibt die seismografisch ausgehörte Streicherversion von „Across The Universe“ im Ohr. Lennon huldigt seinem göttlichen Guru. Namaste, John!

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