Kultur : young-euro-classic: Sommersinfonie einer Großstadt

Frederik Hanssen

Hut ab! Mit Musik des 20. und des 21. Jahrhunderts 17 500 Zuhörer zu mobilisieren - das muss dem Young-Euro-Classic-Festival erst einmal jemand nachmachen! Warum früher in Berlin niemand auf die Idee gekommen ist, das Sommerloch mit einem Jugendorchestertreffen aufzufüllen, fragte man sich schon im vergangenen Jahr, als das neue Festival zum Überraschungserfolg wurde. Das Beste aber war, mitzuerleben, wie die lockere Atmosphäre bei den Auftritten der jungen Musiker die Vorbehalte des Publikums gegenüber zeitgenössischer Musik geradezu hinwegzufegen schien. Durchschnittlich 1250 Zuhörer fanden den Weg ins Konzerthaus zu jedem der 16 Jugendorchester aus Polen und Russland, Armenien, Spanien, Portugal, Österreich, Aserbaidschan, Island, Ungarn und Deutschland, um sich von größtenteils unbekannten Werken überraschen zu lassen.

Dass da auch manches dabei war, was vermutlich dem Ausleseprozess der Musikgeschichte nicht standhalten wird, ist kein Minuspunkt für die Programmmacher - im Gegenteil: Je breiter das Spektrum dessen ist, was geboten wird, um so klarer kristallisiert sich im Bewusstsein jedes Einzelnen ein Qualitätsbegriff heraus. Nur so können die Zuhörer auswählen, welche Werke die Zeiten überdauern werden - nämlich jene, die sie gerne wieder hören möchten, weil sie sich aus der Masse des Mittelmäßigen herausheben.

Beim Abschlusskonzert des Festivals mit dem Jeunesses Musicales Weltorchester war Vergängliches wie Beständiges zu hören: Tristan Keuris zweites Violinkonzert schmiegt sich in die Form des klassischen Solistenkonzerts, doch es fehlt jenes Moment der Wiedererkennensfreude, das traditionelle Musik auszeichnet: Man nimmt nicht aktiv lauschend am Verarbeitungsprozess des Materials teil. Yayoi Toda mühte sich erfolgreich um Schönklang, und auch der Dirigent Roberto Paternostro tat alles, um der Geigerin einen weichen symphonischen Teppich auszurollen, doch der ziellose, atmosphärisch-assoziative Fluss der Solisten-Klangrede blieb einfach zu amorph, es fehlte die nachvollziehbare Struktur. Schon nach der Pause hatte man das Stück vergessen.

Ganz anders ging es einem da bei Frank Michael Beyers "Klangtoren" für großes Orchester von 1997, die er für das Jeunesses Musicales Weltorchester neu gefasst hat. Auch hier ist die Form nicht ohne weiteres beim ersten Hörerlebnis zu entschlüsseln, doch man spürt in jeder Sekunde die ordnende, mit bedacht gestaltende Hand des Komponisten. Vor allem aber faszinieren die fein ausbalancierten Instrumentalschattierungen: asiatisch anmutende Schlagwerk-Kombinationen zum breiten Streicher-Klangband, das in seiner mattierten, beigefarbenen Anmutung Assoziationen an chinesische Tuschezeichnungen weckt.

Einen "Klassiker der Moderne" hatte sich Paternostro für den zweiten Konzertteil aufgespart: Sergej Prokofiews fünfte Sinfonie. Hier setzte der Dirigent ganz auf die Begeisterungsfähigkeit der Nachwuchssolisten aus 36 Ländern.Machtvoll, in grellen Farben, machmal geradezu brutal stellte er das Maschinenhafte, Kraftstrotzende dieser Fortschrittsmusik in den Vordergrund. Dass Prokofiew, der immer wieder mit den Sowjet-Kulturfunktionären zu kämpfen hatte, hier nicht nur "Musik für den neuen Menschen" komponierte, geriet dabei etwas in den Hintergrund. Doch das Auditorium ließ sich auch so mitreißen und erklatschte sich Aaron Coplands rasantes "Rodeo" als Zugabe.

Im kommenden August soll Young-Euro-Classic wieder stattfinden, dann mit einem Schwerpunkt auf den Ländern des Baltikums und des Balkan - wenn es den Veranstaltern wieder gelingt, die nötigen Mittel aufzutreiben. Vielleicht kann sich ja dann auch der Regierende Bürgermeister, wie immer er dann heißen mag, dazu duchringen, außer flotten Sprüchen im Programmheft ein paar Mark aus seinem Haushalt zum Festival beizusteuern - denn den Ruhm, das spannende Jugendorchester-Sommerfestival in der Stadt zu haben, hat Berlin bislang dankend gratis eingestrichen.

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