Kultur : Young Euro Classic: Töne sterben leise

Uwe Friedrich

Der Klang des ersterbenden Geigenflageoletts erfreut sich bei isländischen Komponisten größter Beliebtheit. Stefán Arason nutzt den zerbrechlichen Effekt in "10-11" für Klavier und Solostreicher abwechselnd mit dunkel-romantischen Passagen im Volksliedton, die deutlich an Edvard Grieg gemahnen. Einzeln hingetupfte Streichertöne reißen weite Assoziationsräume von "nordischer" Tiefe auf - wenn man denn in diesen Kategorien denken will. Von brodelnden Geysiren, die ebenfalls zum Klischee von Island gehören, ist jedenfalls den ganzen Abend hindurch wenig zu spüren.

In bruchstückhaften Zitaten bezieht der 23-jährige Stefán Arason sich eher auf Chopins Melancholie, breitet eine verinnerlichte Tonwelt aus. Der weit ausholende Dirigierstil von Mark Reedman steht dazu in apartem Kontrast. Weil er auf gleicher Höhe mit dem stehend spielenden Streichorchester der Reykjaviker Musikhochschule steht, muss er überdeutliche Zeichen geben. Ein äußerster musikalischer Fluglotse, der die jungen Musiker zu präzisem Spiel animiert. Auch Haflidi Hallgrímson setzt in seinen "Poemi" für Solovioline und Streichorchester den Flageolettklang üppig ein. Ein liegender Orchesterton gibt dem weitgreifenden Spiel der Geigerin Sigrún Edvaldsdóttir noch mehr Resonanz. Pizziccati, Doppelgriffe und extreme Lagenwechsel fordern ihr ein Höchstmaß an Virtuosität ab. Wie in den romantischen Konzerten von Paganini oder Wieniawski kommt es auch hier darauf an, die Drahtseilakte zu klingender Musik zu machen, zum Ausdruck von Emotionen. Das gelingt Edvaldsdóttir im Grunde, und doch bleibt die von Chagall inspirierte Komposition auf merkwürdiger Distanz zum Hörer.

Magnús Blöndal Jóhannson geht in seinem "Adagio" den Weg zurück in die Geschichte, damit Arvo Pärt und dem neoromantischen Stil ähnlich. Indem er die Streicher um Schlagwerk und Celesta ergänzt, erzielt er einen schwebend-geheimnisvollen Klang, auch dieser zerbricht schließlich in der Stille. Abschließend spielten die Reykjaviker noch Brittens "Variationen über ein Thema von Frank Bridge" mit viel Humor, Ironie und Mut zum Gefühl. Gleichsam im Vorübergehen zeigen sie Brittens und die eigene Könnerschaft und machten deutlich, dass die vorangegangenen Werke eher Fingerübungen waren.

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