Young Euro Classic : Und sie bewegen sich doch

Das Festival Young Euro Classic geht mit einem umjubelten Finale zu Ende. Eine Bilanz.

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Beseelt. Michael Sanderling am Sonntag im Admiralspalast.
Beseelt. Michael Sanderling am Sonntag im Admiralspalast.Foto: Kai Bienert

Das ging dann doch glimpflich ab. Zu den 18 Veranstaltungen, die „Young Euro Classic“ im Juni und August angeboten hat, kamen 23 500 Besucher. Die Sorge der Festivalmacherin Gabriele Minz, ob die ans Konzerthaus gewöhnten Besucher den Weg in die beiden Ausweichspielstätten Philharmonie und Admiralspalast finden würden, erwies sich als unbegründet. Nach dem umjubelten Finale mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchester am Sonntag lässt sich sagen: Ja, das Stammpublikum des Jugendorchestertreffens ist treu – und beweglich.

Ein Glücksfall war allerdings, dass die Lottostiftung Geld zur Verfügung stellte, mit dem der in jüngster Vergangenheit zur seelenlosen Abspielbude herabgesunkene Admiralspalast akustisch so ertüchtigt werden konnte, dass er als Konzertsaal taugte. Dank sechs eleganter fliegender Untertassen, die über den Köpfen der Musiker schwebten, sowie Hightech-Bodenplatten gelang es Ralf Bauer-Diefenbach und seinem Team von MMT Network, die Schallwellen so im Raum zu verteilen, dass für die sehr verschiedenen Ensembles jeweils bestmögliche Bedingungen geschaffen wurden.

Young Euro Classic 2014 im Rückblick
Das Joven Orquesta Nacional de España.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: Kai Bienert/Young Euro Classic
18.08.2014 14:40Das Joven Orquesta Nacional de España läutete die zweite Hälfte von Young Euro Classic unter anderem mit "Till Eulenspiegels...

Inspiriert vom historischen Ort und seiner Geschichte hatte Dieter Rexroth, der künstlerische Leiter von „Young Euro Classic“, den zweiten Festivalteil nämlich zum Experimentierfeld erklärt: Operette und Jazz, Tanz, traditionelle Musik aus China und der Mongolei – der wilde Stilmix der vergangenen Tage sollte Spiegelbild dessen sein, was hier einst und jetzt über die Bühne ging und geht.

Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" erklingen in einer Bearbeitung für Bläserensemble

Wahrlich extravagant – und folglich nicht jedermanns Geschmack – ist auch die Bearbeitung von Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ für Bläserensemble, die am Sonntag das Abschlusskonzert eröffnet. Was der Brite Elgar Howarth da 1979 geschaffen hat, ist gewissermaßen die Gold-Edition der berühmten Komposition – geschrieben für blitzendes Blech und zwei Perkussionisten. Wer Maurice Ravels raffinierte Orchesterfassung des Klavierzyklus gewohnt ist, fremdelt zunächst angesichts der freiwilligen Beschränkung auf Trompeten, Posaunen, Hörner und Tuben. Doch was die 16 jungen Virtuosen des Schleswig-Holstein Festival Orchesters ihren Instrumenten an klassischen wie überraschenden Klangfarben entlocken, fasziniert dann doch. Schade nur, dass es Dirigent Stefan Geiger so eilig hat. Ließe er seinen Musikern ein wenig mehr Luft, das Resultat fiele in manchem Detail sicher noch funkelnder aus.

Eine berührende Deutung von Dmitri Schostakowitschs fünfter Sinfonie gelingt nach der Pause Michael Sanderling. Dabei ist die Gefühlswelt dieses 1937, auf dem Höhepunkt von Stalins Kulturterror veröffentlichten Stücks eigentlich schwer zugänglich für junge Menschen. Ein Werk des inneren Widerstands, düster, mit depressiven Zügen. Äußerst intensiv müssen die Proben gewesen sein, denn das riesig besetzte Orchester vollzieht die Stimmungsschwankungen der Partitur mit äußerster Sensibilität nach, mit staunenswerter Präzision und warmem, sattem Klang.

Sanderling vermag den Kopfsatz wirklich als einen einzigen großen, 15-minütigen Spannungsbogen aufzubauen, meidet auch im Folgenden allzu schroffe Konturen, schafft eine Atmosphäre, in der sich Bitternis und Süße mischen. Und wenn sich das volle Orchester im Fortissimo des Finales verausgabt, dann liegt etwas Verzweifeltes in diesem Jubel.

Michael Sanderling wird auch die „Young Euro Classic“-Eröffnung am 7. August 2015 gestalten, die feierliche Rückkehr ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt, dann mit Musikstudenten aus Jerusalem und Weimar. „Wenn Sie heute Abend nach Hause kommen“, rät der Pate des Abends, Deutschlandradio-Chef Willi Steul, den Zuhörern in seiner Begrüßungsansprache, „dann nehmen Sie ein scharfes Messer und machen damit ganz unten an Ihrer Schlafzimmertür eine Kerbe. Wenn Sie das 355 Mal getan haben, dann wissen Sie: Es ist Zeit, sich umzuziehen – denn Young Euro Classic geht wieder los.“

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