Kultur : Young Euro Classic: Verschenkt

Christine Lemke-Matwey

Es gibt Stücke, da reichen drei oder vier Takte, um zu wissen, wie der Abend wird. Mahlers Neunte ist so ein Stück: ein von Ängsten und Ahnungen gebeuteltes Opus ultimum zwischen "vitaler Euphorie" und dem "Horror mortis". Ihre berüchtigte Exposition vor der Exposition ist es, die ersten sechs Takte nur, die in wenigen Atemzügen alles offenbart. Das gestopfte Horn-Motiv, die Harfe im grummelnden Bass-Register, die düsteren Sextolen der Bratsche - das ist das Material, aus dem Symphonie und Leben sind. Ein Dirigent muss hier zeigen, dass er das Stück mit Kopf und Herz und Bauch durchdrungen hat, bis hin zum Ersterben der Streicher im "Adagissimo" gut 90 Minuten später.

Es gibt Abende, da reichen drei Takte, um zu wissen, dass man im Begriff steht, Lebenszeit zu vergeuden. Der Auftritt Roberto Paternostros mit dem Bundesjugendorchester bei Young-Euro-Classic im Konzerthaus war so ein Abend. Denn der ehemalige Karajan-Assistent (als solcher zumindest in seiner Stehkragenjoppe unverkennbar) hatte mit den Gesetzen Mahlerschen Weltschmerzes nichts im Sinn. Den Ländler des zweiten Satzes verwechselte er mal mit Johann, mal mit Richard Strau(ß)ss, die Rondo Burleske presste er in ein flottes Dauer-Espressivo, und das Finale schließlich schwappte von einem larmoyanten Ritardando ins nächste. Die jungen Musiker konnten zuallerletzt etwas für dieses Debakel, sie leisteten ebenso diszipliniert wie professionell. Angefangen aber hatte es mit dem Wallstreet-Juppie Markus Koch, dem "Paten" des Abends, der eingangs so lange so dummes Zeug redete, bis es vom Rang "Aufhören!" rief. Und Koch gehorchte. Schade, dass sich das bei Paternostro keiner traute.

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