Kultur : Young Euro Classics: Zwei Seelen, ach!

Volker Michael

Das sehr löbliche Vorhaben, Jugendorchester aus ganz Europa in Berlin auftreten zu lassen, suggeriert mit seinen Programmen die Existenz nationaler Komponierstile auf unserem Kontinent. Jedes Nachwuchsorchester stellt einen möglichst ebenso jungen Komponisten aus seiner Heimat vor. Am "Nationenabend" Österreichs heißt dieser Wagner und muss sich mit seinem Uraufführungswerk gegen zwei große Kollegen namens Webern und Mahler behaupten. Überhaupt haben sich die 18- bis 26-jährigen Musiker unter ihrem Chef Heribert Böck besonders dem Erbe des vergangenen Jahrhunderts verschrieben. Dabei bergen Anton Weberns späte Orchestervariationen op. 30 bereits in sich die Gefahr des Zerfalls: Jede einzelne Note hat hier intensive kompositorische Arbeit erfahren. Dass Webern jeden Klang mit unzähligen Bezügen zu allen anderen seines jeweiligen Stücks versehen hat, geht bei vielen Aufführungen verloren.

Dem Wiener Jeunesse Orchester aber gelingt es, durch präzise Instrumentalarbeit viele expressive Bögen in dieser scheinbar so abstrakten Musik hörbar zu machen. Enorme Leistungen bieten die Bläsersolisten auch in Gustav Mahlers "Lied von der Erde", seiner verkappten Neunten Symphonie. Sehr bewegend ist die Inbrunst, mit der Böck im Verein mit den beiden Sängern Jeffrey Dowd und Wolfgang Holzmair der Intelligenz und Naivität der Tonsprache Mahlers gerecht wird. Das also ist österreichische Kunst - allen Kärntner Provinzfürsten zum Trotz!

Das Auftragswerk des Abends, die "Symphonia" des 38-jährigen Wieners Wolfram Wagner, zeugt zwar von ausgefeilter Kompositionstechnik und wiederum von großem Engagement und Fähigkeit des Orchesters und seines Leiters. Doch der Dualismus, den Wagner musikalisch ausdeuten möchte, wirkt allzu schlicht: Im platonisch-idealen Himmel ("In caelo") und auf der triebhaften Erde ("In terra") herrschen laut Wagner zwei gegensätzliche Klangwelten: Repetitive Sphärenmotive erinnern an Arvo Pärt, gänzlich postmodern-beliebig die heftigen Tuttischläge und simplen Rhythmen der irdischen Welt. Dass Wagner derlei Gegenwelten nicht "symphonieren", das heißt klanglich versöhnen kann, obgleich er das im abschließenden "Epilogus" eigentlich beabsichtigte, kann kaum verwundern.

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