Kultur : Yousuf Karsh: Wo die Seele wohnt

Christian Schröder

Helden sehen nicht immer freundlich aus. Helden müssen manchmal grimmig gucken. Auf dem berühmten Foto, das Yousuf Karsh 1941 von Winston Churchill gemacht hat, wirkt der englische Premierminister furchteinflößend. Sein Körper ist ein Felsmassiv, aus dem der eckige Kopf halslos hervorspringt. Zwei steile Stirnfalten haben sich in das Gesicht eingegraben, die Lippen sind zusammengepresst, der Blick ist stechend. Churchill hat sich vor einer Holzvertäfelung aufgebaut, er trägt Smoking, Weste und Fliege, vor seinem Bauch spannt sich die Kette einer Taschenuhr. Die Botschaft ist eindeutig: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das Bild ging als Symbol für die Entschlossenheit um die Welt, mit der das englische Volk den Kampf gegen Hitler-Deutschland weiterführen würde. Doch böse blickt der Kriegspremier aus einem ganz profanen Grund: Der Fotograf, der ihn beim Staatsbesuch in der Speakers Chamber des Parlaments von Ottawa aufnahm, hat ihm seine Zigarre weggenommen.

Gesichter des 20. Jahrhunderts. Le Corbusier hat seine Brille in die Stirn geschoben, in der Hand hält er einen Kugelschreiber und ein Notizbuch, in das er gleich einen Einfall notieren wird. Papst Pius XII. betet mit geschlossenen Augen. Thomas Mann umklammert eine Kladde und präsentiert seine majestätische Nase im Profil. Schon die Quantität der Porträtaufnahmen von Yousuf Karsh, die das Deutsche Historische Museum im Berliner Kronprinzenpalais zeigt, beeindruckt. Herzstück der feierlich "Helden aus Licht und Schatten" betitelten Ausstellung ist ein aus samtig rot gestrichenen Stellwänden geschaffenes Kabinett mit Bildern des englischen Könighauses, darunter einige der raren Farbarbeiten des kanadischen Fotografen. Dahinter hängen De Gaulle, Eisenhower, Truman und Eleanor Roosevelt einträchtig nebeneinander.

Karsh hat im Laufe einer über sieben Jahrzehnte reichenden Karriere rund 15 000 Menschen porträtiert, eine Leistung von herkulischen Ausmaßen. Bevor er 1992 sein Atelier in Ottowa auflöste und sich auf einen Alterssitz in Boston zurückzog, stellte er eine Best-of-Sammlung seiner Arbeiten mit dem Titel "Famous 500" zusammen. Der Fotograf, der am 23. Dezember seinen 92. Geburtstag feiert, verstand sich durchaus als Moralist. Den Prominenten, die er fotografierte, brachte er Verehrung entgegen, die Betrachter seiner Bilder sollten sich in der Tradition barocker Porträtgalerien an der Größe der Dargestellten erbauen. "Es gibt einen Augenblick, in dem Augen, Hände und Haltung zum Spiegel des Verstands, des Herzens und der Seelen werden", verkündete er, "diesen Moment heißt es festzuhalten. Den flüchtigen Moment der Wahrheit."

Das heißt aber nicht, dass Karsh auf diesen Moment der Wahrheit gewartet hätte. Er bildete im Gegenteil auf seinen Fotografien das ab, was er für die Wahrheit eines Menschen hielt. Karsh, der mit einer altmodischen Plattenkamera arbeitete, inszenierte jede Aufnahme sorgfältig. Warhol ließ er mit einem Pinsel posieren, Chruschtschow steckte er in einen Pelz, weil ihm "das Gesicht des ewigen Bauern, vielleicht das kollektive Porträt eines großen Volks, gemalt wie Cromwell, mit Warzen und allem drum und dran" vorschwebte. Eine ausgeklügelte Lichtregie sorgte dafür, dass die Porträtierten vollplastisch aus dem Helldunkel des Hintergrunds hervorzutreten scheinen. Sie wirken wie erstarrt in ihren Posen, mehr Standbilder als lebende Menschen.

Sein Handwerk erlernte der in Armenien geborene, über Syrien nach Kanada ausgewanderte Karsh bei John H. Garo in Boston, einem späten Vertreter jenes Piktoralismus, der den Oberflächenglanz der Malerei in die Fotografie zu übertragen versuchte. Schon bald nachdem er nach Kanada zurückgekehrt und sein eigenes Atelier eröffnet hatte, wurde "Karsh of Ottawa" zu einem Markenzeichen. Die Illustrierte "Saturday Night" veröffentlichte seine Theaterfotos, über den kanadischen Generalgouverneur fand Karsh Zutritt zur politischen High-Society. Mit seinem Churchill-Porträt wurde er schlagartig international bekannt. Fortan rissen sich die Prominenten darum, von Karsh fotografiert zu werden, sie konnten sicher sein, von ihm in kein unvorteilhaftes Licht gestellt zu werden. "Ich bin mir gewiss darüber, dass niemandem gedient wäre, wenn ich statt der menschlichen Größe die schwachen Momente meines Gegenübers zu Tage förderte", lautete sein Credo, "diese sind es nicht wert, festgehalten zu werden."

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