Yuja Wang in Berlin : Wahnsinnsrock trifft Wahnsinnsstücke

Yuja Wang spielt im Kammermusiksaal Liszt, Skrjabin, Schubert und Balakirew - und irrtiert mit ihrer Gaderobenwahl.

Christiane Tewinkel
Yuja Wang
Yuja WangFoto: Leila Méndez / DG

So krass hatten wir uns das dann doch nicht vorgestellt. Yuja Wang geht auf die Bühne des philharmonischen Kammermusiksaales, verbeugt sich zackig, spielt, und tritt auf eigentümlich lakonische Weise wieder ab, die Schuhe verfangen sich im Rock, sie zuppelt daran, und weg. Vielleicht wie weiland Clara Haskil, von der es ebenfalls hieß, sie husche ans Klavier, einer Geistererscheinung gleich? Sicher nicht. Denn Yuja Wang trägt ja schwarze Pumps mit 14 Zentimeter Absatz in Gold, dazu ein hochgeschlitztes pinkfarbenes Kleid mit Schleppe, der Rücken ist nackt bis auf zwei Ketten, die das Kleid körpernah halten. Lange ist man während ihres Spiels von diesem Anblick gefangen. Ein Orthopäde hätte gewiss seine Freude und sehr viele Erkenntnisse beim Betrachten der Muskeln an Rücken, Schultern und Armen, wir aber brauchen Zeit, um daran vorbeizusehen, ein schönes Anschauungsbeispiel für die Hör- und Sehgewohnheiten in der Klassik und für das Miteinander von Interpretin und Werk, in diesem Fall Liszt (mit Bearbeitungen von Schubert-Liedern), Skrjabin, Schubert und Balakirew. Und natürlich auch für das Pflegen einer Marke, schließlich kombiniert Wang damit einmal mehr Wahnsinns-Rocklängen mit Wahnsinns-Bravourstücken.

Vielleicht sollte sich Yuja Wang Neuem zuwenden

Bei Skrjabins süffig-düsterer Musik geht die Rechnung gut auf, mehr noch bei Balakirew. Dessen lange als weltschwerstes Klavierstück geltende Fantasie „Islamey“ bietet Wang perfekte Möglichkeiten, ihre schier unglaubliche Feinmotorik mit einem Hang zum brutal Exzesshaften zu verbinden. Während männlichen Kollegen oft furchtbar mit dem Stück ringen, schüttelt sie das Ganze einfach in die Tasten, jenseits der gewaltigen Klangauftürmungen und stroboskophaft flatternden Hände tatsächlich noch so etwas wie Melodie erkennen lassend. Bei Liszt und Schuberts später A-Dur-Sonate hingegen bleibt das Deutungsangebot rätselhaft, der Anschlag in den Kantilenen tönt fisselig, mit wenig Lust am sorgfältigen Legatospiel. Man bleibt gebannt, doch oft von einer sonderbaren Unstimmigkeit. Wahrscheinlich ist dies technisch zu einfach? Oder musikalisch wenig gewohntes Terrain? Jedenfalls scheint es nicht leicht, für ein so herausragendes Talent wie die in China und den USA ausgebildete Wang das richtige Repertoire zu finden. Vielleicht sollte sie sich auch dem Neuen zuwenden, vielleicht könnte ihr jemand etwas schreiben, mit dem sie technisch gefordert ist und ihr federleichtes Fingerspiel mit ihrer Lakonie und ihrer Begabung für pure Härte vereinbaren kann.

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