Kultur : Yuppies auf dem Schmugglerschiff

OPER

Carsten Niemann

Ein starker Beginn: Da sitzt die junge Berliner Premierenschickeria im historischen Bewag-Abspannwerk „Humboldt“ in Prenzlauer Berg und brüllt vier Mal „Arbeit“. Weil die Partitur von Walter Goehrs Funkoper „Malpopita“ (1931) nach dem Einsatz einer Arbeitermasse verlangt. Und sind mitten in einer Welt, in der Maloche nach Öl riecht und nach Stahl und Eisen klingt. Arbeiter Adam, der noch nie etwas von Kulturfabriken gehört hat, will dieser Welt jedoch entfliehen. Er heuert gutgläubig auf dem Schmugglerschiff Esperanza an, das schließlich an der Insel Malpopita strandet: einem Paradies, bis die Mannschaft Öl findet, eine Fabrik errichtet und die Plackerei von vorn beginnt.

Die Partitur der Oper (von Andrew Hannan nach dem kürzlich entdeckten Klavierauszug rekonstruiert) ist eine wahre Entdeckung. Die Aufführung durch das Studio-Team der Komischen Oper kommt zur richtigen Zeit an den richtigen Ort: Die Musik des Berliner Schönberg-Schülers und Weill-Freundes Goehr verbindet nostalgisch gewordene Anziehungkraft im agitatorischen Pathos à la Mahagonny mit einer heute geradezu visionär anmutenden freien Mischung der Stilmittel (von Film über falschen Schlager bis zu echter Operette). Zwar macht Regisseurin Heidi Mottl die Spannung zwischen heutiger und damaliger Arbeitswelt nicht zum zentralen Thema, sondern wird bisweilen unfreiwillig von ihr eingeholt (warum verschwitzte Unterhemden, wenn die Achseln rasiert sind?). Doch dank des handwerklichen Geschicks, mit dem die überzeugenden Solisten, der vortrefflich einstudierte Chor sowie der Dirigent Jin Wang das Werk präsentieren, entrückt auch die Berliner Kulturschickeria für eine Stunde mit dem träumenden Arbeiter Adam in dessen so nahe und zugleich exotisch ferne Welt. (Noch bis zum 29. Mai; Sendetermin im DeutschlandRadio Berlin: 10. Juli, 19.30 Uhr)

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