Yusuf Islam live in Berlin : Raupe rückwärts

Yusuf Islam gibt im Berliner Tempodrom ein schönes Konzert, bei dem er auch viele seiner alten Cat-Stevens-Lieder singt.

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Yusuf Islam singt wieder seine alten Cat Stevens-Lieder.
Yusuf Islam singt wieder seine alten Cat Stevens-Lieder.Foto: AFP

Alles sehr gediegen, sehr gesetzt im Tempodrom. Theater-Gong. Schlag acht. Pünktlicher Beginn. In den Sitzreihen fast ausschließlich ältere Herrschaften. Und schlich da nicht eben noch Gunter Gabriel vorbei. Oben auf der Bühne, der unauffällige, freundlich charmante, ältere Mann am Mikrofon sagt nicht: „Hello, I’m Yusuf Islam!, er sagt auch nicht: „Hello, I’m Cat Stevens“, sondern hängt sich einfach die große Gibson-J200-Akustikgitarre um und singt: „I swam upon the devil’s lake, but never, never, never, never, I’ll never make the same mistake“.
Aber wer ist dieser bescheidene, fast demütige Mann nun eigentlich, dessen Stimme so weich ist wie sein langer weißer Bart und seine milden Augen hinter einer getönten Brille? Kann das wirklich jener Yusuf Islam sein, der als Konvertit 1989 den Mordaufruf Khomeinis gegen Salman Rushdie unterstützt hat, und der 1994 in einem Interview mit Thomas Gottschalk verkündet hat, er habe nicht die Absicht, je wieder Musik zu machen, es sei denn der Schmetterling würde sich wieder in eine Raupe zurückverwandeln. Hat er sich zurückverwandelt? Oder ist es nur eine Art von Mimikry, wenn Yusuf sich seit einigen Jahren wieder westlicher Popmusik zuwendet, wenn er sich selbst covert, sein abgelegtes Alter Ego Cat Stevens und dessen hübsche Lieder: „Here Comes My Baby“, „Moonshadow“, „Where Do The Children Go“. Sehr zart, glatt, lieblich. Wenn in einer netten Lucky-Luke-Western-Kulisse sitzt, mit einer formidablen Band – Bass, Drums, zwei Gitarren, Keyboards – alle in gestreiften Ringelhemden, wie die Daltons.
Aber vielleicht geht es in diesem Konzert wirklich nur um die Musik und ihre einfachen Botschaften, mit denen Yusuf, heute ganz zurückhaltend und unausgesprochen, sonst auch für den Islam wirbt: Liebe und Frieden. Aber passt dann dazu auch noch die Aufforderung: Wenn dir nach singen ist, dann sing, und wenn du frei sein willst, nimm dir die Freiheit? Es hat etwas Rührendes. Und musikalisch wird es immer brillanter. Vor allem auch die neueren Songs, die noch nicht so abgenudelt wirken, haben es in sich: „Midday“, „Roadsinger“. Und „Editing Floor Blues“ mit wunderbar gegenlaufenden rhythmischen Betonungen, wie eine Mischung aus Muddy Waters und Bo Diddley. Yusuf singt heute sogar besser, reifer, uneitler als Cat Stevens, ganz ohne das leicht meckrige Ziegentimbre von einst. Makellos.


Alte R’n’B-Klassiker rocken formidabel, während Yusuf eine knackige elektrische Dobro spielt: Sam Cookes „Another Saturday Night“ und eine umwerfend groovende Version von „You Are My Sunshine“. Nach zwei Stunden, springen auch die Gediegensten aus ihren Sitzen zum furiosen Finale. „Oh baby, baby, it’s a wild world“. Yusuf Islam sei kein guter Typ, sagt Rushdie. Aber kann jemand, der so schöne Lieder so wunderbar singen kann, ein schlechter Mensch sein?

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