Yutaka Sado dirigiert das DSO : Echos des anderen Amerika

Ein transatlantischer Gedankenflug: Der japanische Dirigent Yutaka Sado und das Deutsche Symphonie-Orchester zwischen „Apalachian Spring“ und „Aconcagua“.

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Auf transatlantischer Reise. Yutaka Sado.
Auf transatlantischer Reise. Yutaka Sado.Foto: Yuji Hori/DSO

Wer zu Pfingsten dem von Großevents besetzten Berlin nicht den Rücken kehren kann, dem spendierte das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie einen transatlantischen Gedankenflug. Reiseleiter Yutaka Sado bietet einen Mix aus Exotischem und urbanen Hotspots an, wobei er das berüchtigte Tourismus-Tempo seiner japanischen Landsleute sogar noch übertrumpft: USA–Südamerika und retour in 120 Minuten!

Los geht’s in einem Flyover State: „Apalachian Spring“ nannte Martha Graham 1944 ihr Ballett um ein Siedlerpaar in Pennsylvania, Aaron Copland schrieb dazu eine Musik, die bewusst so einfach sein wollte wie Land und Leute. Unternehmungslustig geht das DSO die volkstänzerischen Passagen an, lässt sich von Yutaka Sados erstaunlich weichen Dirigierbewegungen dennoch zu knackigen, scharf akzentuierten Rhythmen animieren. Atmosphärisch am stärksten gelingen die lyrischen Passagen, wenn sich das Klangbild zum Panorama weitet, die Stille atmet und ein frommes Abendlied erklingt. Kurz plustert sich die Idylle ins Pathetische auf, dann sinkt alles wieder in ruhige Genügsamkeit zurück, in dieses schöne alte Traumbild vom Land der Freiheit.

Keine Scheu vor knalligem Fortissimo

9000 Kilometer südlich katapultiert anschließend Astor Piazzollas „Aconcagua“ das Publikum: Sein Bandoneonkonzert von 1979 ist genuine Metropolenmusik. Wenn die Solistin Mie Miki chromatisch über die Tasten gleitet, ist das die akustische Übersetzung eines Tangos, bei dem die Paare jeden ihrer Schritte aus dem Boden gebären. Zum Herzstück aber wird der langsame Satz mit seinem kammermusikalischen Dialog zwischen Bandoneon, Harfe, Geige und Cello: Gefesselt lauscht der Saal dem melancholischen Miteinander, ergriffen vom süßen Schmerz.

Der schnelle stilistische Wechsel zwischen Nord und Süd, der ungewohnte Puls lateinamerikanischer Tänze – das DSO ist wirklich herausgefordert an diesem Abend, der so leichtgängig scheint. Doch die Musikerinnen und Musiker meistern souverän das ungewöhnliche Siebener-Metrum von Silvestre Revueltas archaischem „Sensemayá“, uraufgeführt 1938 in Mexico City, und haben auch zum Finale noch genug Power für Bernsteins „West Side Story“.

Zur Freude der sieben Schlagzeuger und der Blechbläser zeigt Yutaka Sado keine Scheu vor knalligem Fortissimo, wenn im New Yorker Bandenkrieg der Testostertonpegel in den roten Bereich ausschlägt. In feinsten emotionalen Schattierungen erklingt schließlich Marias finale Klage. Ach, Amerika.

Der Deutschlandfunk sendet einen Mitschnitt des Konzerts am 11. Juni um 21 Uhr.

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