Kultur : "Z 2000": Das Festival in der Akademie zeigt, was von der jungen Kunst zu erwarten ist

Oliver Heilwagen

Soviel Bilanz war nie: Während die "Sieben Hügel"-Schau im Martin-Gropius-Bau 5000 Jahre Menschheitsgeschichte resümiert, will die EXPO ausgerechnet in Hannover Wegzeichen für das nächste Jahrtausend setzen. Da mag die Berliner Akademie der Künste nicht nachstehen. Mit dem "Z 2000"-Festival, das morgen eröffnet wird, präsentiert der ehrwürdige Altherrenklub im Hansaviertel einen Gesamtüberblick über das kreative Schaffen derer, die ihn einmal überleben werden. Was spektakuläre Superlative betrifft, kann Z 2000 mit den beiden anderen Abrechnungs-Ausstellungen durchaus mithalten: Mehr als 300 Künstler in neun Disziplinen, sieben Schauen an fünf Spielorten und rund hundert Einzelveranstaltungen bietet die Akademie auf. Ihre Rekordlust endet erst beim Etat: 1,4 Millionen Mark darf das Festival kosten - soviel Verlust macht die vermutlich EXPO innnerhalb weniger Stunden.

Die uneitle Generation

Genauso schmalbrüstig wie das Budget ist auch der theoretische Apparat, der im Katalog mitgeliefert wird: Die "Positionen junger Kunst und Kultur", so der Untertitel, sollen für sich selber stehen. In rechtschreibreformverliebten Sprachspielen wie "AkZion", "ExhibiZion" und "ViZion", die vom namensgebenden Kürzel abgeleitet sind, erschöpft sich die Leitidee von Z 2000 aber keineswegs. Analog zur vielbeschworenen "Generation X", die beim Vorgänger-Festival X 94 vor sechs Jahren herbeizitiert wurde, wollen die Veranstalter gegenwärtig eine "Generation Z" ausmachen. Diese Entdeckung wird freilich nur behauptet, um sie sogleich zu dementieren. Gemeinsamkeiten wie sie Mitte der neunziger Jahre in der Begeisterung für Neue Medien zu erkennen waren, gebe es derzeit nicht, räumt Festivalleiter Christian Kneisel ein. Den Anspruch, eine Documenta der jungen Kunst zu inszenieren, weist Kneisel daher weit von sich: "Wir wollen nur Ausschnitte zeigen aus der Bandbreite dessen, was zur Zeit gemacht wird." Zudem führe Z 2000 Leute zusammen, die sonst einander fast feindlich gegenüberstünden: Bildende Künstler und Designer, Literaten, E-Musiker und Techno-DJs. Ob ihre Kooperation lohnende Ergebnisse hervorbringe, müsse man abwarten.

Vor lauter Kombinationsmöglichkeiten kann den Künstlern schon schwindlig werden. Wer seinen Standort neu bestimmen will, dem bietet die Akademie eine "Bleibe". Die gleichnamige Hauptausstellung ist recht wohnlich geraten: benutzbare Betten, Sessel und zu Hockern umfunktionierte Wasserkästen laden zum Verweilen ein. Variabel konstruierte Sitz- und Liegemöbel darf der Besucher umbauen, wie es ihm bequemt. In entspannter Haltung kann er den Kuratoren Jörg und Karen van den Berg bei der täglichen Arbeit zuschauen. Natürlich an einem Ausstellungsstück: Ihren Schreibtisch hat die Slowenin Apollonija Su¡ster¡si¡c entworfen. Im Nebenraum lässt Jörg Lenzlinger in seiner Installation "Jungbrunnen" aus einem plätschernden Rinnsal lindgrüne Kristalle wachsen. Auf dem versonnenen Beobachter ruht wiederum der verklärte Blick von Judith Samens Großmutter: Deren Fotografie hat die Künstlerin in eine mannshohe Mischung aus Gartenhaus und Heiligenschrein montiert. Solche gelassenen Szenarien entnimmt die Kuratorin dem aktuellen Kunstbetrieb. "Das Hinterherhecheln nach dem neuesten Trend wie in den Achtzigern und Neunzigern hat aufgehört", stellt van den Berg fest: "Es gibt niemanden mehr, der sich für ein Genie hält und seine individuellen Spirenzchen durch Kunst kompensiert." Statt dessen begriffen sich die Künstler zunehmend als "soziale Dienstleister", etwa als Gastgeber. Das ist ganz wörtlich zu verstehen: Im Holzbungalow der Gruppe "Stadt im Regal" vor dem Eingang der Akademie wird David Zink die Besucher bekochen. Aber damit muss es nicht sein Bewenden haben: Die "Riga Dating Agency" stellt osteuropäische Schönheiten zum Kennenlernen vor. Und das Duo "Novaphorm", deren Erscheinungsbild die Corporate Identity eines Pharmakonzerns persifliert, will wohlriechende Düfte versprühen.

Angesichts eines dermaßen erweiterten Kunstbegriffes sehen die in der Abteilung "Next!" gezeigten, konventionellen Tafelbilder der jungen Graffiti- und Comic-Szene ganz schön alt aus. Am traditionellsten wirken sogar die farbenfrohen Gemälde der jüngsten Teilnehmerin, die an Vorbilder der klassischen Moderne erinnern und zu hyperrealistischen Ikonografien neigen. Jana Kuznetsov ist erst zwölf Jahre alt.

Keine These ohne Gegenthese

Vor dem Rückzug ins Private warnt hingegen Philipp Virus, der im Künstlerhaus Bethanien für die Schau "Global Ghetto" verantwortlich zeichnet. Deren Fotoserien und Videos sind harte Kost und machen mit roher Gewalt-Ästhetik gegen die "Gleichschaltung der Welt in der Globalisierung" mobil. Diese rabiate Systemkritik kontrastiert merkwürdig mit der häuslich-beschaulichen Atmosphäre in der Akademie und enthüllt dadurch die geheime Maxime von Z 2000: Keine These wagen, ohne sofort die Gegenthese vorzustellen! Was zwischen beiden Polen entsteht, nennt man ein "Spannungsfeld", und auf diesen, der Physik entlehnten Zentralbegriff legen die Organisatoren größten Wert.

Wenn beim gespannten Publikum noch irgendwelche Gewissheiten übrigbleiben, werden sie im Rahmenprogramm erschüttert. Zahlreiche Filmvorführungen, Theaterstücke, Workshops, Konzerte und DJ-Auftritte sollen die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Ob die Jungkünstler damit ihre Altersgenossen aus den Tanz- in die Kunsttempel locken können, bleibt allerdings fraglich: Beim Vorläufer X 94 waren die Ausstellungsbesucher im Durchschnitt 55 Jahre alt.

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