Kultur : Zähne & Füße Das Grips-Kinderstück

„Aneinander – vorbei“.

von

Am Ende herrscht Anarchie. Die meisten Zuschauer haben die Bühne gestürmt, sie johlen, tanzen und werfen mit Requisiten. Das war abzusehen. Es ist die Art Veranstaltung, bei der gelegentlich Besucher schreiend hinausgetragen werden müssen und Zwischenrufe gang und gäbe sind. Theater für die Allerkleinsten. Ein Genre, das in Berlin schon seit langem von Bühnen wie der Schaubude und dem Theater o.N. gepflegt wird, und das in Ländern wie Frankreich oder Italien eine anerkannte Tradition besitzt. Jetzt hat auch das Grips-Theater die Menschen ab zwei Jahren als Zielgruppe entdeckt. Und sich somit – kein Klischee – an eine der größten Herausforderungen überhaupt gewagt: Kunst für ein garantiert gnadenloses Publikum in Windeln.

Das Spiel, das Frank Panhans im Podewil aufzieht, trägt den Titel „Aneinander – vorbei“. Zuvor hat der Regisseur „Macbeth“ in Marburg inszeniert, nun geht es wieder um existenzielle Fragen. Zum Beispiel: Wie kommen Erwachsene und Kinder miteinander aus?

Ausgereifte Geschichten darf man beim Theater für die Jüngsten ja eher nicht erwarten, vielmehr werden die Sinne fürs Elementare geschärft. Die Darsteller Regine Seidler und René Schubert erkunden anfangs mit gewinnender Spiellust das Bühnenbild aus Pappkartons (Ausstattung: Jan A. Schroeder), kriechen hinein, verrenken sich in fröhlichen Slapstickfiguren, schälen schließlich den Musiker Martin Fonfara aus dem Kistenberg. Und performen dann in wechselnden Eltern- Kind-Konstellationen Alltagssituationen aus dem Kosmos der Kita-Klientel – denen es an Konfliktpotenzial nicht mangelt. Da wird das Zähneputzen zum hingebungsvollen Füßchenschrubben, das Anziehen zum Ringen mit dem bellenden Strumpf, das Essen zur Schlacht um die Gummischlangen-Spaghetti. Und der Kampfruf „Allein machen!“ stellt die Geduld auf eine Extra-Probe. Wie’s eben läuft, wenn Kinder ihre Sprache entdecken und den eigenen Willen.

Seidler und Schubert spielen das mit unangestrengtem Humor und großer Natürlichkeit, Frank Panhans inszeniert mit feinem Gespür für Weltwahrnehmungen, die schwer in Einklang zu bringen sind. „Aneinander – vorbei“, 40 Minuten kurz, ist sympathisch und einfallsreich. Vor allem aber bleibt das Stück jederzeit auf Augenhöhe mit den kleinen Zuschauern. Einziger Wermutstropfen: dass sich das Grips den Jüngsten widmet, ist auch aus der Not geboren. Das Theater ist bekanntlich nach wie vor unterfinanziert, in dieser Spielzeit finden bloß vier Premieren statt. Eine Produktion wie „Aneinander – vorbei“ ist nicht zuletzt preisgünstig. So wertvoll sie auch sein mag. Patrick Wildermann

Nächste Familienvorstellungen: 8. und 9. Dezember, 16 Uhr. Grips im Podewil, Klosterstraße 68, Mitte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben