Kultur : Zähne und Klauen

ROLF BOYSEN

Ist es Theater von jungen Menschen, oder ist es Theater für junge Menschen? Oder ist es Theater von jungen Regisseuren - unter Umständen auch mit alten oder zumindest älteren Schauspielern? Oder ist es nur das Theater der jungen Autoren? Ist es die Sprache oder ist es der Inhalt, der "junges Theater" macht? Oder ist es etwa nur der Stil? Was verbirgt sich hinter diesem Begriff "junges Theater"? Und falls es wirklich "junges Theater" gibt, was ist dann "altes Theater"? Ist Shakespeare "altes Theater"? Oder Kleist? Ist Beckett "altes Theater"? Freilich, Heranwachsende kommen bei ihm nicht vor.Durch seine Welt geistern die Greise und das Kind.Seltsam! Ist Becketts Theater deshalb alt oder kindisch? Also, was ist "junges Theater"? Ist es vielleicht nur eine Nische, in die man sich verkriechen kann? Ist "junges Theater" immer auch modernes Theater? Und was ist das nun wieder?

Das Flechtwerk unseres Lebens ist eng geknüpft.Alle Erschütterungen in diesem Netzwerk übertragen sich überallhin.Irgendwo in diesem Gewerbe ist auch das verankert, was wir Kunst nennen.Und sie selbst ist wiederum ein eigenes Gespinst.Es nimmt die Erschütterungen, die von außen darauf einwirken, auf und erzeugt eigene, sich wiederum fortpflanzende "Impulse".Es sind Impulse, die gerade erst entstanden sind.Man könnte sie auch "jung" nennen.Wenn solche Impulse von einem Theater ausgehen, wenn wir durch dieses Theater "die Wahrheit des Lebens erfahren, und wissen nicht wie" (Goethe), wenn es - um bei Goethe zu bleiben - durchdrungen ist vom "Weltgeist", sein geistiges Gewand aber ein heutiges ist, das heißt also, wenn "Weltgeist" und "Zeitgeist" in logischer Folgerichtigkeit eine enge Verbindung eingehen, oder anders ausgedrückt: wenn das (legitime) subjektive, jugendliche Aufbegehren das "Gewesene" trotzdem transparent werden läßt - ein solches Theater könnte ich vielleicht "junges Theater" nennen.Alles andere sind "Nischen-Ausreden"! "Wir reden und schreiben, als wüchse das Schilf nach unten ...", heißt es bei Herbert Achternbusch.

Und er hat natürlich recht.Das Schilf wächst nach oben.Aber seine Wurzeln wachsen nach unten, und das Schilf weiß gar nicht, wie sich seine Wurzeln dort unten verzweigen.Auch beim heftigsten Sturm vertraut es auf ihre Kraft.Sie führen ihm alles zu, Gutes und Schlechtes, je nachdem, wo es wächst.Mit dem Theater ist es nicht anders.Es gibt kein junges Theater ohne Aischylos und Shakespeare, es gibt keine jungen Regisseure ohne Fehling oder Kortner, es gibt keine jungen Schauspieler ohne Kainz oder Werner Krauß.Selbst die realistischste Bühnenprosa ist nicht denkbar ohne das ferne Klangbild des Hexameters oder des Blankverses."Junges Theater", das hört sich so an, als müsse es entschuldigt werden für das, was es tut, weil es ja noch so jung ist.Das wäre eine schlechte Visitenkarte! Nein, auf der Bühne gibt es keine Entschuldigung - nur die Behauptung! Und die muß verteidigt werden mit Zähnen und mit Klauen und mit allem, was ich auf der Bühne vorfinde, was sich dort angesammelt hat seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden.Das ist kein romantischer, schwärmerischer Traditionalismus.Das Theater ist nicht das Kind seiner Zeit.So einfach wollen wir es uns doch nicht machen.Das Theater - auch wenn es sich "junges Theater" nennt - ist Greis und Kind zugleich.Ein Beckett-Bild! Der Greis, der mit lieblosen Augen in die Vergangenheit starrt, und das Kind an seiner Seite, das mit aufgerissenen Augen in die nebelhafte Zukunft blickt.Es gibt weder Gegenwart noch Zukunft ohne Herkunft.

Rolf Boysen, 78 Jahre alt, ist der Doyen des Ensembles der Münchner Kammerspiele.Die Frage stellten die Berliner Festspiele mit Blick auf die Festwochen, die am

1.September beginnen.Der Tagesspiegel druckt einen Teil der Antworten.Nächste Folge: Heinz Berggruen

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