Kultur : Zähne zeigen

Zum Tod des Schauspielers Roy Scheider

Kai Müller

Es ist nicht eben vorteilhaft für den Polizisten eines Badeorts, wasserscheu zu sein. Aber vielleicht wäre das niemandem negativ aufgefallen, sogar ihm selbst nicht, wenn nicht zufällig ein ziemlich großer und gefräßiger Fisch aufgetaucht wäre, um die Badegäste zu dezimieren. In Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ spielt Roy Scheider den wasserscheuen Sheriff. Panisch blickt er aufs Meer, wo er das Unheil lauern sieht. Er überreagiert, er ist ein Nervenbündel. Man weiß nicht, ob der Schrecken von ihm als Polizeichef ausgeht oder von dem Hai. Seine Frau erklärt einmal, auf der Fähre zum Festland bleibe ihr Mann im Auto sitzen, so groß sei seine Angst vor Wasser. „Es gibt einen medizinischen Ausdruck dafür ...“ „Ertrinken“, kontert Scheider trocken.

Roy Scheider, der am Sonntag im Alter von 75 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung starb, war einer von Hollywoods berühmtesten Nebendarstellern. Schon als er 1961 am Theater seinen Einstand als professioneller Schauspieler in einer New Yorker „Romeo und Julia“-Produktion gab, war er Mercutio, Romeos Gefährte. Auch im „Weißen Hai“, seiner größten Rolle, war er nur eine Nebenfigur. Er war das Opfer, das die Bestie nicht bekam. Durch ihn demonstrierte Spielberg zudem, was er sich unter dem seither immer wieder kopierten Horror-Effekt vorstellte: Angst, die in uns allen schlummert.

Das Kino als Konfrontationstherapie. Dafür war Scheider der richtige Typ. Ohne Extravaganzen, bis auf die schiefe Nase, Folge eines Boxkampfs in der High School, verkörperte er den rauen, strapazierfähigen Durchschnittsamerikaner. An der Seite Gene Hackmans spurtete er in „French Connection“ (1971) hinter flüchtigen Drogendealern durch Brooklyn und leistete sich rüde Wortduelle. In dunkel ausgeleuchteten Großstadt- und Agenten- Thrillern machte er stets die beste Figur: Sei es 1979 in „Tödliche Umarmung“ von Jonathan Demme, in John Schlesingers „Marathon-Mann“, dem Hubschrauber-Drama „Das fliegende Auge“ oder im „Russland-Haus“ (1991). Beklagenswert oft war sein scharfkantiges Gesicht allerdings auch mit Flops verbunden. Nur einmal wuchs Scheider wirklich über sich hinaus. 1979 spielte er in „All That Jazz“ das verkokste Leben des Choreographie-Stars Bob Fosse – von diesem selbst inszeniert. Aber das opulent bebilderte Musical fiel durch. So wurde es still um Roy Scheider. In den Neunzigern verhalf ihm Steven Spielberg zu einer TV-Karriere – und schickte ihn wieder ins Wasser. Als Kommandant eines futuristischen Unterseebootes wurde er zum Star der „Seaquest“-Serie. Kai Müller

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