Kultur : Zähne zeigen

Das etwas andere Theater: Bei Ramba Zamba spielt Behinderung keine Rolle. Ein Werkstattbericht

Katharina Wagner

Mit fast militärischer Körperhaltung stehen sie in einer Reihe nebeneinander. Breit grinsend, den Blick nach vorne gerichtet, in der Hand einen Jogurtbecher. „Das ist der reinste Jogurt der Welt. Für die reinste Gesundheit!“, ruft eine Frau. Jetzt reißen alle schwungvoll die Deckel ab und fangen an zu löffeln. Schmatzend lecken sie die Reste mit dem Finger aus dem Becher. Ein Saxophon erklingt, man singt „We all live in a yellow submarine“. Dabei werfen sie keck den Kopf in den Nacken und marschieren aus dem Raum.

„Halt, halt, das Ganze nochmal!“ Klaus Erforth, der Regisseur, springt von seinem Stuhl auf. „Ihr müsst beim Grinsen richtig die Zähne zeigen! Und triumphierend das Kinn nach oben heben.“ Erforth tritt vor seine Schauspieler, dreht ihnen die Köpfe in die richtige Position, stellt sich selbst in Positur und marschiert vorneweg. Endlich, nach dem vierten Mal ist er zufrieden. Kurze Pause.

Probenalltag bei Ramba Zamba in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg: Routine für das „total verrückte Theater“. Der Name spielt durchaus provokant mit einem Vorurteil: Denn hinter Ramba Zamba verbergen sich zwei Theaterensembles für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Die beiden Gruppen sind mit mehr als 50 Schauspielern Teil der Kunstwerkstatt Sonnenuhr e.V. Seit der Gründung des Vereins 1990 haben sie insgesamt 14 Inszenierungen auf die Bühne gebracht und diese in Hamburg, München, Lissabon, Graz, am Wiener Burgtheater und zuletzt in Basel gezeigt: Ob bekannte literarische Werke wie Kafkas „Verwandlung“, mythische Stoffe wie „Medea“ oder aktuelle Stücke, immer ist es der Mensch, der mit seinen Fehlern, Sehnsüchten, Bedürfnissen und Ängsten im Zentrum steht. Es geht um Liebe und Verrat, um Freundschaft und Feindschaft. Urmenschliche Konflikte – in neuer Schärfe. Die Schauspieler nämlich formulieren Fragen, bei denen man glaubt, die Antworten längst gefunden zu haben. Die Grenze zwischen Theater und Leben, zwischen verrückt und normal, sie wird nicht einfach umgedreht, sondern anders gedeutet. Mit Betroffenheitstheater hat das alles nichts zu tun: Die Behinderungen sind auf der Bühne kein Thema. „Die Schauspieler wollen das normale Leben erleben, das ihnen so oft verwehrt wird. In jedem Stück gibt es etwas, das mit ihnen zu tun hat und immer auch uns alle betrifft“, sagt Klaus Erforth.

Der Regisseur, der bis 1989 am Deutschen Theater gearbeitet hat, sitzt im Café der Kunstwerkstatt in einem ehemaligen Pferdestall und sieht ein wenig abgespannt aus. Um den Hals trägt er einen dicken Schal. Jeden Abend Probe von sechs bis zehn Uhr, das ist anstrengend. Seit Wochen hatte Erforth keinen freien Tag mehr. Aber wenn er mit seinen Schauspielern singt, Texte und Bewegungen einstudiert, ist von dieser Erschöpfung nichts zu spüren. „Diese Leute tragen ein archaisches Bewusstsein in sich. Wenn man ihnen hilft, können sie dieses Bewusstsein wecken. Dann sind sie wie Seismographen.“

Eine Begeisterung, die ansteckt. Noch bis zum kommenden Freitag haben die 28 Schauspieler um Klaus Erforth und seine engsten Mitarbeiter Jens Hasselmann (Musik, Komposition), Kerstin Janewa (Bühne, Kostüme) und Susanne Richter (biomechanische Bewegungen) Zeit, alles noch mal zu üben. „Salto – ein Schiff wird kommen“ ist ein ganz besonderes Stück. Zum ersten Mal haben die Schauspieler viele der Szenen und Lieder selber geschrieben. „Natürlich haben wir vorher eine ungefähre Situationen geschaffen, aus denen heraus Szenen entstehen können. Aber alles andere wird bei den Proben erarbeitet“, erklärt Erforth. Dabei improvisieren die Schauspieler nicht nur zu Motiven aus Klassikern wie „Romeo und Julia“, auch soziale Themen tauchen auf. Oder eine Fernsehdokumentation über Frauen aus Peru, denen ein Milchbakterium aus der Brust entnommen und zur Jogurtherstellung verwendet wurde. Kostüme und Masken verwandeln die Bühne in ein schillerndes Farbenmeer. Drei prächtige Stunden lang.

Klaus Erforth schaut auf die Uhr. Viel Zeit hat er nicht mehr. „Auch traurige und tragische Momente werden ins Groteske gezogen, damit wir uns nicht darin verlieren.“ Beim Hinausgehen dreht er sich noch mal um: „Das Schiff kommt natürlich nicht an. Aber es gibt Momente, in denen man Illusionen braucht.“

„Salto – ein Schiff wird kommen“ am 17. und 18. Dezember, jeweils um 19 Uhr in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36 (Prenzlauer Berg).

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