Kultur : Zähne ziehen

Reform der Reform? Der neue Rat für deutsche Rechtschreibung tritt heute erstmals zusammen

Peter von Becker

Wenn sich heute Nachmittag im Mannheimer Institut für Deutsche Sprache der nach aller Kritik an der Rechtschreibreform von den Kultusministern ins Leben gerufene „Rat für deutsche Rechtschreibung“ zur konstituierenden Sitzung trifft, dann steht wohl nur zweierlei von Anbeginn fest: Das nominell aus 18 deutschen sowie je neun österreichischen und Schweizer Vertretern gebildete Gremium wird den ehemaligen bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair zu seinem Vorsitzenden wählen. Und der neue Rat wird zwar nicht sogleich die Verwirrung um die inzwischen von Teilen der Presse bereits zurückgenommene und auch im jüngsten Duden (23. Auflage, 2004) schon wieder modifizierte Rechtschreibung beenden können.

Aber die Einsetzung des Rechtschreib- Rats bedeutet immerhin das Ende des unseligen Wirkens einer „Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung“. Diese einst von den Kultusministern berufene und jahrelang kaum kontrollierte Versammlung wenig bekannter Sprachdidaktiker und Linguisten hatte die Rechtschreibreform selbst in ihren unsinnigsten Auswüchsen mit unerschütterlicher Ignoranz und Arroganz vertreten und – von Medien, Kulturbetrieb und Politik sträflich unbeachtet – ins Werk gesetzt. Hans Zehetmair, ein liberaler Konservativer und gedankenoffener Mann, möchte nun nach ersten Presseerklärungen „kein Erfüllungsgehilfe der Kultusminister“ sein.Er will Absurditäten der neuen Getrennt- oder Großkleinschreibung korrigieren (die Marine soll dann wieder „hierzulande“ statt „hier zu Lande“ flottieren); kurzum, der Rats-Chef möchte bis zum 1. August 2005, wenn in den Schulen wieder eine einheitliche Rechtschreibung gelten soll, der Reform „die schlimmsten Zähne ziehen“.

Das Problem des Rats ist allerdings: Ihm fehlen auch heute noch drei Mitglieder. Das sind die Positionen für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und das deutsche PEN-Zentrum, um die Zehetmair noch werben will. Doch bis auf weiteres bleiben die wesentlichen deutschen (Sprach-)Wissenschaftler und Poeten dem Reformwerk abhold – weil sie entweder seine Notwendigkeit oder die Funktionsfähigkeit des neuen Rats nicht erkennen können. Man befürchtet immer noch eine Majorisierung durch hartleibige „Reform-Lobbyisten“. Insbesondere die Darmstädter Akademie kritisiert, dass der Rat mit 36 Personen zu groß und so besetzt sei, dass ein vernünftiger Kompromiss etwa zwischen alter Orthografie und der Übernahme der neuen „ss/ß“-Regelung zweifelhaft sei. Tatsächlich fragt man sich, warum ausgerechnet der Deutsche Beamtenbund und der DGB im Sprach-Rat vertreten sind, und ob mit den Autoren Ludwig Laher oder Monique R. Siegel aus Österreich und der Schweiz bereits die deutschsprachige Gegenwartsliteratur repräsentiert ist.

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