Kultur : Zaha Hadid: Wir werden von Konventionen erdrückt

Wird Ihnen schwindelig[Frau Hadid?]

Zaha Hadid, 50, ist die berühmteste Baukünstlerin der Gegenwart. In Bagdad geboren, musste sie als Teenager den Irak verlassen, weil ihr Vater der demokratischen Opposition angehörte. Sie ging nach London, wo sie an der Architectural Association studierte und 1979 ein eigenes Büro eröffnete. Hadid sorgte erstmals 1982 mit ihrem preisgekrönten Entwurf für das Hochhausprojekt "The Peak" in Hongkong für Furore und wurde zur Vorreiterin einer Bewegung, der 1988 eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art den Namen gab: "Deconstructivist Architecture". Lange Zeit galt sie als Baumeisterin fast ohne Bauten, ihre kühnen Pläne wurden für unrealisierbar gehalten. Das Vitra Feuerwehrhaus in Weil am Rhein und ein IBA-Wohnblock in Kreuzberg gehörten Mittlerweilen ist Hadid gut im Geschäft: Derzeit baut sie unter anderem eine Brücke in Abu Dhabi, eine Skischanze in Innsbruck und einen Fährbahnhof in Salerno.

Wird Ihnen schwindelig, Frau Hadid?

Nein, wieso?

Ihre Entwürfe haben einen solch radikalen Schwung, dass Leuten angeblich beim Betrachten schwindelig wird.

Das liegt dann nicht an meinen Entwürfen!

Wollen Sie mit ihren Gebäuden die Schwerkraft überwinden?

Nein. Es geht einfach um neue Ordnungssysteme. Darum, Gebäude als bewegliche oder auch leichte Einheiten wahrzunehmen. Sie sollen keineswegs im luftleeren Raum herumschwirren.

Ein Kritiker hat behauptet, es gehe Ihnen um "Wirklichkeitszerstörung"?

Das hängt davon ab, von welcher Wirklichkeit die Rede ist. Die größte Herausforderung in der Architektur ist in der Tat die Schwerkraft, die Tatsache also, dass Objekte immer irgendwann "landen" müssen. Wenn ich davon spreche, ein neues Organisationsprinzip zu entwickeln, dann impliziert das eine neue Raumerfahrung. Sehr lange war das westliche Denken von der Vorstellung geprägt, dass es eine überlegene, ideale Form gibt, den Raum zu organisieren. Das hatte mit dem Phänomen der Massenproduktion von Waren zu tun. Erst in den letzten zwanzig Jahren haben wir verstanden, dass nicht ein Prinzip und dessen Logik besser als ein anderes ist. Die Anforderungen an den Raum sind komplexer geworden. Das ist das Neue.

Sie sind als Theoretikerin bekannt geworden, erst seit einigen Jahren werden Ihre Entwürfe auch umgesetzt. Wer hat den Mut gefunden, Sie zu beauftragen?

Kein Architekt bekommt Aufträge, solange er sehr jung ist. Und gerade weibliche Architekten haben es noch immer schwer, auch wenn es besser geworden ist. Vor allem habe ich aber mit der Tradition gebrochen und wer das tut, muss damit rechnen, nicht sofort akzeptiert werden.

Sie haben Ihre Entwürfe nicht entschärft?

Meine Arbeiten haben sich verändert, verwässert sind sie nicht. Das Klima hat sich in den letzten Jahren allerdings aufgehellt. Neue Ideen finden heute eine größere Akzeptanz, die Leute kennen sich aus. Manchmal, wenn ich in einem Londoner Taxi sitze, kommentiert der Fahrer die Gebäude, an denen wir vorüberfahren. Zudem erlaubt uns die Wirtschaftslage, dass wir uns spannende Raumerfahrungen leisten.

Oder folgen Ihre radikalen Formen inzwischen den Anforderungen des Alltags?

Form follows function hat als Ordnungsprinzip längst seine Gültigkeit verloren. Funktionen haben sich gewandelt, Arbeit, Kunst, Verkehr - all diese Bereiche fordern einen neuen Umgang mit dem Raum. Was verloren gegangen ist, sind die traditionellen Typologien in der Architektur, die besagten, dass eine Bibliothek auszusehen habe wie eine Bibliothek. Scharoun hat damit aufgeräumt. Dass die Form der Funktion folgen soll, wie es das Bauhaus gefordert hat, war ein richtiges Prinzip. Aber es hat sich inzwischen erledigt.

Ihren Entwürfen ist eine gemeinsame Formensprache eigen. Wie wichtig ist Ihnen die eigene Handschrift?

Ein Stil entwickelt sich über Jahre, besonders wichtig ist mir das nicht. Mich verbindet viel mit Peter Eisenmann und Daniel Libeskind, manchmal ähneln sich unsere Produkte, manchmal nicht. Wir verfolgen aber ähnliche Ziele und kämpfen für dieselbe Idee. 99 Prozent der Architektur auf der Welt wird nicht von Architekten bestimmt, sondern von Bauherren. Das meiste ist also noch immer sehr konventionell und gehorcht kommerziellen Erwägungen. Es geht uns darum, möglichst vieles von dem, was als theoretische Konzeption gilt, in den architektonischen Mainstream zu überführen. Also nicht so sehr um den eigenen Stil, sondern um das Allgemeinwohl.

In Cincinnati und Rom bauen Sie ein Museum, in Wolfsburg ein Wissenschaftszentrum. Besteht die Gefahr, dass diese Gebäude isolierte, architektonische Ikonen bleiben?

Der Vorteil öffentlicher Gebäude ist, dass einem ein größeres Maß an Extravaganz zugestanden wird. Aber wir treiben zur Zeit so viele verschiedene Vorhaben voran - die Skischanze in Innsbruck, eine Brücke in Abu Dhabi, ein Wohnhaus in Wien -, dass ich den Vorwurf, symbolträchtige Gebäude zu entwerfen, unpassend finde. Im Augenblick stehen die Bauten noch sehr im Rampenlicht, aber das wird sich ändern.

Am Adenauerplatz hier in Berlin sollten Sie die Büroscheibe bauen, die dann Helmut Jahn verwirklicht hat. In Cardiff haben Sie den Wettbewerb für ein neues Opernhaus gewonnen. Doch seit Jahren wird nicht gebaut.

In Berlin wollte uns der Bauherr in Wirklichkeit nie. In Cardiff ist die Situation sehr politisch - und verfahren.

Die Oper sollte direkt am Hafenbecken entstehen. Was reizt Sie an der Peripherie?

Die meisten Städte haben interessante Randzonen. Und wir erleben ja, dass solche Ränder schnell zum Zentrum werden können. Meist liegen Randgebiete nah an der Innenstadt und sind nur wegen ihrer ursprünglichen Nutzung vom Rest der Stadt abgeschnitten. Hafenareale wie in Cardiff bestehen aus Lagerhallen, stabil gebaut, und nur schwer zu verändern. Solche Gegenden für die Stadt nutzbar zu machen, ist eine große Herausforderung.

Hafenanlagen stammen aus dem letzten Jahrhundert, auch Museen und Opern verweisen auf die Vergangenheit. Ihre Architektur bricht jedoch mit der Tradition.

Gerade bei den Museumsplänen für Cincinnati geht es darum, die Innenstadt als kulturelles Zentrum zurückzugewinnen. Das gleiche gilt für Häfen und Bahnhöfe. Sie bieten ein ganz anderes urbanes Muster: die Straßen folgen anderen Geometrien.

In den letzten Jahren haben Sie nicht mehr an Wettbewerben in Berlin teilgenommen. Wie gefällt Ihnen das Neue Berlin?

Mir hat der Potsdamer Platz vorher gefallen, als riesige, leere Fläche. Als verdichteter Stadtraum funktioniert er nicht. Man gewinnt dort den Eindruck, dass ein neues Lebensgefühl importiert werden sollte. Was Berlin ausgemacht hat, war das Zusammentreffen zweier Städte. Nun versucht man, aus zwei Hälften eine normale Stadt zu machen, als ob es schon immer so gewesen wäre. Das hat natürlich auch seine guten Seiten, schließlich war der Mauerstreifen ein totes Areal. Jetzt wandern dort wenigstens Menschen umher.

Haben Innenstädte überhaupt eine Zukunft? Droht uns nicht vielmehr ein Zuwachs suburbaner Vorstadtlandschaften?

Wer sich auf historische Konventionen verlässt, leistet der Suburbanisierung Vorschub. Denn es fehlt solchen Modellen die Idee einer Durchmischung, die eine Stadt am Leben erhält: hier arbeiten, dort einkaufen oder essen. In der Architektur bedeutete den Kontext zu berücksichtigen bislang, über das benachbarte Gebäude nachzudenken. Heute wird ein Kontext durch mehrere Kräfte bestimmt. In Museen geht es zum Beispiel um die Frage, wie der Besucherstrom von einem Raum in den anderen und in die angrenzende Areale geleitet werden kann. Ein Museum ist kein lineares System mehr, sondern ein sehr komplexes. Dem haben wir bei unserem Entwurf in Wolfsburg Rechnung getragen: Im Erdgeschoss befinden sich die öffentlichen Räume, der Eingang, das Restaurant, das Auditorium - einer urbanen Struktur vergleichbar. Im Stockwerk darüber ist ein offenes Plateau, auf dem sich die Museumsaktivitäten abspielen. So bleiben die unterschiedlichen Aktivitäten aufeinander bezogen und sind dennoch getrennt.

Sie haben auch als Innenarchitektin und als Möbeldesignerin gearbeitet. Im letzten Jahr haben Sie für die Tour der Pet Shop Boys die Bühne entworfen. Warum?

Bei der Bühne für die Pet Shop Boys mussten wir uns etwas ausdenken, was innerhalb eines Abends auf- und abgebaut werden kann und zugleich wie eine Einheit wirkt. Wir wollten, dass die Bühne sich mit den Musikern und Tänzern bewegt, dass die Choreographie unseren Entwürfen folgt. Allein durch das Licht konnten wir den Raum ganz neu strukturieren. Das war nicht nur aufregend, sondern hat großen Einfluss auf meine Arbeit ausgeübt.

Hat Ihnen die Musik der Band auch gefalllen ?

Ja. Ausserdem waren sie sehr nett und bescheiden. Einer von ihnen hat sogar Architektur studiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben