Kultur : ZahlenregimentDurchaus rational? Neue Sicht auf das NS-Regime

Bernhard Schulz

Hitler war ausschließlich auf die Sowjetunion fixiert, die Nazis haben Deutschland durchgreifend modernisiert, Speers Rüstungsorganisation erzielte beeindruckende Resultate: Mit derlei festgefügten Urteilen räumt der englische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze gründlich auf. Sein soeben erschienenes magnum opus „Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus“ (Siedler Verlag, München 2007. 927 S., 44 €) stellte er im Wissenschaftszentrum Berlin vor, unterstützt von zugespitzten Thesen dessen langjährigen Leiters Jürgen Kocka. Der 40-jährige Cambridge-Professor zeigt in seinem Buch auf glänzende Weise, wie wichtig den Nazis die Volkswirtschaft war und wie stark sie die Politik bestimmte. Gerade Hitler wusste über Zahlungsbilanzen und Devisenprobleme – und die mehr als einmal katastrophale Lage des Landes – bestens Bescheid. Dabei unterschätzt Tooze mitnichten die Ideologie. Alle Rationalität wurde dem Hitler’schen Rassenwahn und der angestrebten Ost-Eroberung nachgeordnet: „Die wirtschftsstrategischen Gesichtspunkte bleiben mit den ideologischen untrennbar verbunden“.

Freilich entwickelte sich daraus eine eigene Rationalität, die Tooze der bisherigen These von dem anti-ökonomischen Regime entgegenstellt. Die große Angst galt den mächtigen USA, die Hitler lange vor 1933 als kommende Weltmacht erkannte. Ausgerechnet im Jahr der NS-Machtergreifung waren die USA politisch gelähmt. Bis sie sich in Europa zurückmeldeten, hatte Hitler mit der Aufrüstung bereits begonnen, und zwar 1934 und nicht, wie bislang geglaubt, erst 1936. Der Anteil der Rüstung am Bruttosozialprodukt stieg von einem auf 20 Prozent bis 1939 – eine schwindelerregende Steigerung, die allerdings von der Bevölkerung als Zuwachs an nationaler Stärke durchaus begrüßt wurde. Keine Spur von „Gefälligkeitsdiktatur“, wie Götz Aly erst vor einem Jahr akribisch zu belegen suchte. Der private Sektor blieb beständig auf gleichem, niedrigem Niveau, das enorme Wirtschaftswachstum ging allein in die Rüstung – und deckte um so gnadenloser die ausweglose Abhängigkeit Deutschlands vom Import an Rohstoffen und Nahrungsmitteln auf. Auch insofern hatten Hitlers „Lebensraum“-Pläne ihre Logik. Einen mehrjährigen Krieg hätte das Regime allerdings niemals durchhalten können. Hitler spielte schlichtweg Vabanque – erfolgreich im Falle Frankreichs, vernichtend im Falle der Sowjetunion, die Hitler in seinem Rassendünkel vollständig unterschätzte. Speers Rüstungsorganisation ab 1942 brachte keineswegs die erhoffte Wende, sondern blieb „die Choreographie des Untergangs“. Und Speer selbst war zutiefst und von Anfang an in die NS-Mordmaschinerie verstrickt – auch das eine Erkenntnis, die mit lang gehegten Legenden aufräumt (Rezension des Buches folgt). Bernhard Schulz

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