Kultur : Zampanos Reise

Das Vermächtnis eines großen Regisseurs: Peter Zadeks Memoiren „Wanderjahre“

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Dieser dritte Band von Peter Zadeks posthum erschienenen Memoiren ist weit mehr als ein reines Theaterbuch. Nehmen wir zum Beispiel das Kurzkapitel über „Juden und Aristokraten“. Zadek sagt: „Die zwei auserwählten Völker sind die Aristokraten und die Juden. Während die Aristokraten auf die Juden runtergucken, sind die Juden den Aristokraten in den Arsch gekrochen. Beispiel: Jud Süß. Das Aristokratische bewunderte ich immer am meisten bei den Engländern, nicht bei Prince Charles, nein, ich habe Sir Hartley Shawcross, den englischen Ankläger, im Nürnberger Prozess bewundert. Diese Haltung hat mich gegenüber dem Proletariat versnobt gemacht... Obwohl ich viele Stücke über Proleten inszeniert habe, mochte mich Fassbinder deswegen auch nicht. Das Verhältnis Juden – Aristokraten endete mit der Tatsache, dass ich mich mit einer Gräfin zusammentue, die gegen die Aristokratie ist.“

Ähnliches hätte außer Zadek allein noch George Tabori, der andere aus der angelsächsischen Kultur ins deutsche Theater rückgekehrte Emigrant und Jude, so leicht und souverän, so provokativ pointiert formulieren können. Die Gräfin ist die Schriftstellerin Elisabeth Plessen, während der letzten 30 Jahre die Lebensgefährtin des im vergangenen Sommer gestorbenen Meisterregisseurs. Sie hat den Band „Peter Zadek – Die Wanderjahre. 1980 – 2009“ herausgegeben und redigiert; zuvor hatte Zadek wie schon bei den beiden ersten Büchern „My Way“ und „Die heißen Jahre“ seine Erinnerungen im Zusammenspiel mit dem Verleger Helge Malchow auf Band gesprochen.

Entstanden ist eine von Zadek in den letzten Lebenswochen zwar nicht mehr selbst gegengelesene, gleichwohl höchst authentische Mischung aus persönlicher Abrechnung und jüngster Kulturgeschichte. Die „Wanderjahre“ des Filme- und Theatermachers, des Intendanten und Opernregisseurs führen nach Berlin, Hamburg, Wien, Salzburg, München, Zürich, nach Frankreich und Italien; sie sind Zeugnis, Anklage, Freispruch und Verurteilung in einem; dabei verbinden sie kurzweilig Kunst und Klatsch, Essay, Erzählung und Aperçu. Es sind Liebes- und manchmal auch, nein: keine Hass-, aber doch heftige, deftige Abneigungserklärungen. Denn Zadek redet Tacheles. Etliche prominente Kritiker kriegen Blödheit oder Vorurteilshaftigkeit bescheinigt – wobei der schlaue Meister nur unterschlägt, dass ihm (wie so vielen Künstlern und Menschen) eine strohdumme, aber positive Kritik immer tausendmal lieber war als ein intelligenter Verriss.

Auch seine Schauspieler schont er nicht. Vor allem nicht, wenn er sich verletzt fühlt. Es ist das die Ambivalenz des Berufs: Zadek, der so zärtlich wie auch zynisch sein konnte, liebt seine Akteure, er sucht ihre „Seele“ und durch sie (und ihre mitunter schmerzhafte Entblößung) auch die verborgene Schicht einer Rolle, eines Stücks. Doch die eigene Seelenhaut ist dünn und reißt ihm, als er erkrankt ist und einige seiner Lieblingsspieler im Frühjahr 2007 ohne ihn nicht die Proben zu Shakespeares großer, komplizierter Komödie „Was ihr wollt“ fortsetzen wollen. Was ein Vertrauensbeweis für ihn, für ihn allein ist, hält Zadek für Verrat. Plötzlich werden ihm Akteure wie Susanne Lothar, seine legendäre Hamburger Lulu, oder Angela Winkler, einst sein umjubelter weiblicher Hamlet in Berlin, zu Personen non grata, und Hans Michael Rehberg, in München in einer von Zadeks geisterhaft genialen Inszenierungen sein Baumeister Solness, avanciert zum „Arschloch“.

Aber es geht auch eleganter. Seine Leidenszeit als fehlbesetzter Kodirektor des Berliner Ensembles Anfang der 90er Jahre gleicht hier einer schwarzen Farce. Dass Zadek den teutonischen Furor, mit dem damals am BE Einar Schleef eine düster zerstampfte Version von Rolf Hochhuths „Wessis in Weimar“ inszenierte, für „faschistische“ Ästhetik hielt, hat er mehrfach gesagt. Auch dass sein stärkster Widerpart im fünfköpfigen BE-Direktorium Heiner Müller war, stand in allen Zeitungen. Jetzt freilich liest man überrascht und amüsiert, wie sehr dem coolen Zadek der sarkastische Feindfreund imponierte. Müller ist, neben der Partnerin Elisabeth Plessen und Zadeks frühem Förderer Kurt Hübner, einer der wenigen, die der große Zampano für ebenbürtig hält. Ein Kabinettstück, wenn Zadek schildert, wie Müller im BE zu einer Jahresspielplansitzung verspätet erscheint, dann einen zerknüllten Zettel mit Stück-Titeln aus der Hosentasche zieht, diese Liste wie das Ergebnis einer langen, tiefgründigen Diskussion präsentiert und die Entscheidung darüber mit der Mitteilung verkürzt, dass er gleich wieder verschwinden müsse und es ja wohl keine besseren Vorschläge geben werde.

Der brillante Inszenator bekennt: „Ich war kein guter Intendant.“ Neben mancher Insiderei erzählt Zadek freilich enorm Kluges: über Shakespeare oder Shaw, über seine poetische Neigung zur Garcia Lorca oder warum ihn im Film die intellektuelle Schärfe Godards stärker angeregt hat als der ihm affektiv viel nähere, emotionalere Truffaut. Viele Geschichten des eingebildeten und wahren Kranken auch, über die Lebenslust und Verwünschung des Todes, dessen Erfindung nur ein Fehler Gottes sei. Enthüllend, wie er mithilfe des Anwalts Peter Raue vor der Premiere seines Berliner „Blauen Engels“ (mit Ute Lemper) angesichts eines drohenden Debakels und seiner streikenden Gesundheit heimlich nach Frankreich abgetaucht ist.

Am stärksten jedoch bleibt Zadeks Passion und Plädoyer für ein Theater, das Dramen ergründet und nicht zerstückelt, das vom Leben in der Welt erzählt und nicht von selbstreferentiellen Verkünstelungen eines ihm allzu deutschen „Konzepttheaters“, das dann zum „Konzeptkabarett“ verkommt. Selbst Peter Stein, der große Antipode, den Zadek (wie hier nochmals nachzulesen) als teutonischen Kopf-Künstler nicht sehr schätzte, selbst Stein verneigt sich am Ende, im Anhang des Buchs, und er nennt den verstorbenen P. Z. seinen heimlichen „Meister“.

Elisabeth Plessen schreibt als Epilog ein schönes, wehmütiges Gedicht, mit der Zeile „wir hatten fast vergessen, was Glück ist“. Nach den Toden von Tabori und Klaus Michael Grüber, von Zadek, Pina Bausch und Jürgen Gosch, dessen Berliner „Onkel Wanja“ und „Möwe“ so Zadek-nah inspiriert sind, wirkt die Szene, man sieht’s gerade beim Theatertreffen, eher zwergriesig. Aber auch Zwerge und Riesen haben klein angefangen.

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