Kultur : Zappeln für Deutschland

Bodo Mrozek

besucht die Meisterschaften im Posing Wettbewerbe sind ein guter Indikator für die gefühlte Lage einer Stadt. So finden in Kirchzarten-Dietenbach im Schwarzwald die deutschen Meisterschaften im Tauziehen statt, in Witzenhausen die im Kirschkernweitspucken. Berlin war schon immer etwas größenwahnsinnig. Hier will man nicht nur Sporthauptstadt sein (Fußball-WM), sondern auch Popmetropole (Popkomm). Im Schatten solcher Großereignisse steht ein Event, der Sport und Musik sinnfällig verbindet und deshalb mehr Aufmerksamkeit verdient: die deutsche L uftgitarrenmeisterschaft .

Diese vergleichsweise junge Disziplin kann auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken. Ihren ersten massenwirksamen Auftritt hatte die Luftgitarre auf dem Woodstock-Festival von 1968. Kein Geringerer als Joe Cocker spielte dort mit expressiven Bewegungen eine imaginäre E-Gitarre. Unbestätigten Angaben zufolge geht das Instrument aber auf den Amerikaner Jack Philson zurück, der 1951 die Philson Stratoblaster Air Guitar erfunden haben soll – um seine Freundin zu beeindrucken. Die hohe Zeit der Airguitar war die Ära der 78er, die in Jugendzentren um die Länge der Haare und der Gitarrensoli konkurrierten. Schuld waren die Bühnenshows von Manieristen wie Jimi Hendrix und Bombastrockern wie den Dire Straits. Deren halbwüchsige Epigonen übten heimlich vor dem Spiegel ekstatische Verrenkungen, um dann in den Dorfdiskos zu brillieren.

Nun erlebt die Airguitar eine unverhoffte Renaissance. Kürzlich wurde bei Ebay eine Luftgitarre meistbietend und portofrei versteigert und bei virtuellen Luftgitarrenkursen (www.luftgitarrenkurs.com) kann der Anfänger Basistechniken erlernen wie Pete Townshends „Windmühlenschlag“, den von Grungebands praktizierten „Reißer“ oder den „Grip Slider“. Dabei lässt man die linke Hand blitzartig über das Griffbrett gleiten – was leeren Händen einige Übung bereitet. Die Besten ihrer Disziplin versammelt die German Air Guitar Federation.

In Hessen etwa qualifizierte sich ein Sozialpädagogikstudent mit einem Stück der Jon Spencer Blues Explosion, der brandenburgische Landesmeister wurde im Jugendclub „Die Grotte“ gekürt, und im Bremer Schlachthaus setzte sich ein schwergewichtiger Virtuose mit dem expressiven Künstlernamen „ArschritzenYeti“ durch. Am 23. Juli kämpfen sie im Kesselhaus der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36, 21 Uhr) um den deutschen Meistertitel. Man darf annehmen, dass die Konkurrenz gerade in Berlin, der Hauptstadt der Poser und Blender, mindestens so hart sein wird wie die beim hessischen Kirschkernweitspucken.

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