Kultur : Zarengold und Klatschbasen im Darmstädter Prinz-Georg-Palais

Christian Huther

Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde Porzellan mit Gold aufgewogen. Möglicherweise bürgerte sich so die Bezeichnung "weißes Gold" ein. Tatsächlich war Porzellan nur für Herrscher und den Geldadel erschwinglich. So arbeitete auch die 1744 gegründete Kaiserliche Porzellanmanufaktur in St. Petersburg ausschließlich für den Zarenhof. Bestenfalls wurden Porzellane als Auszeichnung verschenkt. In den Genuss solcher Gunstbeweise kamen auch die Hessen. Denn allein vier Prinzessinnen aus dem Haus Hessen-Darmstadt wurden zwischen 1773 und 1894 an den russischen Zarenhof verheiratet. So gelangten viele Porzellane als Geschenke der russischen Zaren an die Darmstädter Regentenfamilie.

Heute besitzt Darmstadt in seinem 1710 errichteten Prinz-Georg-Palais, dem so genannten "Porzellanschlösschen", erlesene Raritäten aus St. Petersburg, die zurzeit um einen wahren Schatz erweitert werden. Die Staatliche Eremitage in St. Petersburg, wo heute die bedeutendsten Produkte der einst kaiserlichen, heute privat betriebenen Manufaktur untergebracht sind, schickte 220 Porzellane der Jahre 1760 bis 1880 - zum ersten Mal. Darmstadt ist die einzige Station in Deutschland.

Da die Kaiserliche Manufaktur nur einen Auftraggeber hatte, lassen sich die Produkte leicht zuordnen, selbst wenn es sich um Geschenke handelte. Am großzügigsten war Katharina II., unter deren Regentschaft (1762-1796) die Porzellankunst blühte. Zum 20-jährigen Jubiläum ihrer Regierung ließ sie das erste große Prunkgeschirr herstellen, das 973 Teile umfassende "Arabesken-Service". Die Teile wurden fast streng gestaltet und mit ornamentalen Arabesken, Girlanden und Medaillons bemalt. Nur die Pastelltöne sorgen für Auflockerung.

Doch meist überwogen Pracht und Pomp in Petersburg. Für das Frühstücks- und Toilettenservice, das Katharina II. ihrem Günstling Grigorij Orlow schenkte, schickte sie eigenhändig Goldmünzen zum Einschmelzen an die Manufaktur. Schließlich waren in Russland eine reiche Farbpalette und üppiger Goldschmuck selbstverständlich. Auch die Figuren wurden größer gestaltet als in Deutschland üblich und stärker an der Volkskunst ausgerichtet, wie ein Ensemble von Stammestypen zeigt.

In der Darmstädter Ausstellung lassen sich anhand von über 100 Jahren Porzellanproduktion auch allerlei Stilwechsel verfolgen. Gewisse Ähnlichkeiten mit Erzeugnissen der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur in Berlin sind dabei nicht zu verleugnen, herrschte doch damals reger Austausch unter den Kunsthandwerkern. Der Volksmund suchte sich für diesen Prunk seine eigenen Bezeichnungen. So wurde eine besonders aufwendig dekorierte Vase von 1807 aufgrund der zwei Frauenfiguren, die sich über den Rand einander zuneigen und so als Griffe fungieren, kurzerhand als "Klatschbasen" tituliert.Prinz-Georg-Palais, Darmstadt, bis 2. Juli

Katalog (Arnoldsche Verlagsanstalt) 39 Mark

im Buchhandel 98 Mark.

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