Kultur : Zart wie der Tod

Chloe Pienes Zeichnungen in der Galerie Thumm

Christina Tilmann

Zarte, verknäulte Linien, breiter Kohlestrich, drastische Motive. Zart knistert das Pergamentpapier, zart wie Haut. Man erkennt Schädel, Knochenhände, Gebeine. Der Tod spielt sein Spiel. Der Tod ist ein Mädchen.

Naheliegend, an Gustav Klimt zu denken bei diesen Zeichnungen, die so explizit Sexualität, weibliche Sexualität thematisieren, mit dem Blick aufs weibliche Geschlecht, auf Masturbationshandlungen. Auch Tracy Emin kommt einem in den Sinn, mit ihrer Serie von Zeichnungen, die sie im Britischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale von Venedig vorstellte. Oder die Altmeisterin Louise Bourgeois mit ihren zart-expressiven Zeichnungen.

Doch Chloe Piene geht weiter zurück: Die norddeutsche Renaissance, die Bilder eines Albrecht Dürer, Matthias Grünewald und vor allem Hans Baldung Grien waren ihr Vorbild. Über sie hat sie im Studium gearbeitet. Und über Hans Baldung Grien in einem Selbst-Interview geschrieben, er sei besonders gut im Umgang mit Leichen und besonders brutal, wenn es darum geht, den Tod zu beleben und einen toten Körper ausdrucksvoll zu gestalten. Sein Tod sei „lustvoll, aggressiv, gnadenlos und fröhlich“. Das Gleiche lässt sich über ihre Zeichnungen sagen.

Die 1972 geborene amerikanische Künstlerin, Tochter des Zero-Protagonisten Otto Piene, ist zuletzt verstärkt mit finsteren Themen aufgefallen: mit zwei Künstlerbüchern, die Korrespondenzen mit zum Tode verurteilten Insassen amerikanischer Gefängnisse dokumentieren und in denen Piene reflektiert, wie die Gefangenen auf den eigenen Körper zurückgeworfen sind. Oder mit Videoarbeiten, die sich beherzt bei Horrorfilmen und expressionistischen Stummfilmen bedienen. In der Ausstellung „Between Two Death“ im ZKM Karlsruhe zum Beispiel war sie geladen als Vertreterin der Neo-Goth-Strömung von Morbidität und Todesfantasien.

Auch in der Galerie Barbara Thumm, die der in New York und Berlin lebenden Künstlerin nun die erste Einzelschau in Deutschland ausrichtet, sind zwei dieser Videoarbeiten zu sehen: Die ältere, „The Dwarf“, ein kurzer Schwarz-Weiß-Streifen, zeigt in wackeliger Stummfilmästhetik Holzdielen, lange Schatten, irres Gelächter, einen Zwerg, der die Treppe hinunterfällt und sich wieder aufrichtet.

Deutlich opulenter fällt die jüngste Arbeit „Stummfilm“ aus, gedreht im Berliner Grunewald. Von wegen Stummfilm: Ein tiefes Jaulen hallt durch den abgedunkelten Raum, auf der Leinwand Bäume, Blätter, hektisch erhellt von einem Suchscheinwerfer, dann ein Mann im Rollstuhl, gefangen im Unterholz, und eine Fratze in Großaufnahme, knallrot geschminkte Lippen, der Mund öffnet sich, ein Schrei. Den Horror ahnt man mehr, als dass man ihn sieht – das war das Prinzip von „Blair Witch Project“. Doch Chloe Piene gibt eine Kindheitserinnerung zum Besten: eine Gruppe von Vietnamveteranen, die sich unweit ihres Elternhauses im Wald verirrt hatten und von ihrem Vater aus der misslichen Lage befreit werden mussten.

Kein Wunder, dass Chloe Piene selbst Darth Vader, die weiße Hexe Glenda aus der Narnia-Reihe von C. S. Lewis, Emil Jannings und Gustav Meyrink als Vorbilder angibt. Sie kennt ihre Trivialgeschichte mindestens so gut wie die klassische Kunstgeschichte und liebt es auch, zu provozieren, indem sie Menschen mit Tieren verknäult. Und scheint doch in ihren Zeichnungen, von denen Barbara Thumm ein gutes Dutzend zeigt (zwischen 3100 und 14 150 Euro), am meisten bei sich. Mit dem festen Kohlestrich, mit dem sie Verletzlichkeit und Vergänglichkeit aufs Papier bannt, ohne abzusetzen. Zeichnen sei für sie wie ein Orgasmus, wie ein Moment der Blindheit, gibt sie zu Protokoll: so überwältigend, dass sie sich selbst verliert. Einen unverwechselbaren Stil hat sie damit gefunden. Christina Tilmann

Galerie Barbara Thumm, Dircksenstr. 41, bis 22.12., Di bis Fr 11–18, Sa 13–18 Uhr

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