Kultur : Zarte Ironie

Zsuzsanna Gahses Witz-Buch „Die Erbschaft“.

Nico Bleutge

Vor kurzem verschickte die Wiener Edition Korrespondenzen eine Mail mit folgender Überschrift: „Rätselhafter Diebstahl in beachtlichem Umfang auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse“. Unbekannte hätten sich nachts am Verlagsstand zu schaffen gemacht und ein Drittel der ausgestellten Bücher entwendet. Ein schlechter Witz? Höchstens dadurch, dass sich unter den gestohlenen Exemplaren auch Zsuzsanna Gahses Band „Die Erbschaft“ befand, einem Buch, das sich ausgerechnet mit Witzen beschäftigt.

Doch die in der Schweiz auf Deutsch schreibende gebürtige Ungarin hat nicht einfach ein Witzebuch geschrieben. Man merkt es dem Ton ihres Bandes an, dass die Autorin selbst gerne Witze erzählt. Vor allem wird deutlich, dass sie einen zart ironischen Zugang zur Welt schätzt, ein gleichsam verschmitztes Verhältnis zu den Dingen. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch härtere Register ziehen könnte: „Ein Deutscher sitzt im Zug, ihm gegenüber eine junge Frau. Schönes Wetter heute, sagt der Mann freundlich. Ja, erwidert sie. Und er darauf: Genug diskutiert, ziehen Sie sich aus.“

Im Innersten ist „Die Erbschaft“ eine fein komponierte Mischung aus Kindheitserinnerungen, Spukgeschichten, kleinen Reflexionen und erzählten Witzen. Es ist aber auch ein Buch über das Witzeerzählen selbst, über Gewohnheiten und Sitten von Witzeerzählern, über regionale und mentale Verschiedenheiten. Nicht wenige Witze, gerade solche, die mit Sprachspielen arbeiten, lassen sich kaum von der einen in die andere Sprache übersetzen. Wie gute Witze überhaupt eng mit der Idee von Verstehen und Nichtverstehen verbunden sind.

Manche Witze meint man schon einmal gehört zu haben. Wie sagt eine der Figuren einmal seufzend: „Erst erzähle ich irgendeine Geschichte … und kurz darauf finde ich die gleiche Begebenheit leicht variiert von Dickens, von Cervantes oder von Horaz bestens beschrieben, wahrscheinlich auch von Aristophanes und Plato.“ Witze sind offenbar „widerstandsfähige Ereignisse, eingerollt wie Kokons“ und zugleich Wesen, die gerade beim Wiedererzählen „instabil“ werden.

All diese Ideen breitet Zsuzsanna Gahse aus, ohne sich in schweren Begriffen zu verlieren. Wie viele Autoren haben sich theoretisch mit Witzen beschäftigt und das auf so staubtrockene Art, dass einem beim Lesen noch das letzte Fünkchen Humor abhanden kommt. Zsuzsanna Gahse indes beginnt zu erzählen. Sie verknüpft ihre Witze über Wortverschiebungen und Ähnlichkeiten im Klang oder lässt sie mittels kleiner Motive ineinander übergehen. Andernorts denkt sie sich eine Art Familien- und Bühnensituation für die Witze aus und inszeniert in kurzen Abschnitten ihre Figuren. So hält sie die Witze lebendig. Und zeigt, inwiefern Witze tatsächlich eine „Erbschaft“ sein können. Nico Bleutge

Zsuzsanna Gahse: Die Erbschaft. Mit Zeichnungen von Anna Luchs. Edition Korrespondenzen, Wien 2013. 64 Seiten, 14 €.

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