Kultur : Zarte Zierde

Das Bröhan-Museum präsentiert Glaskunst

Anja Brandt

Schweißperlen überziehen das Gesicht des Hüttenarbeiters. Die heiße Kugel dreht sich unter den flinken Bewegungen seiner Hände; langsam nimmt sie Gestalt an. Diese Filmszenen aus einer Glasmanufaktur begrüßen den Besucher der Ausstellung „Fragile. Glaskunst 1889–1939“ im Bröhan-Museum. Rund 280 Gläser sind zu sehen. Insgesamt besitzt das Haus 700 Stück, die im neuen Bestandskatalog (Band VII) vorgestellt werden. Der Katalog gab den Anlass zur Schau.

Der Ausstellungsbesucher reist durch Europa, nach Übersee und in verschiedene Epochen. Zu Beginn taucht er in den französischen Jugendstil ein. Der Künstler, Botaniker und Fabrikant Emile Gallé aus Nancy hatte seit den 1880er Jahren neue Ausdrucksformen in die Glasgestaltung gebracht. Er wollte die Kunst mit dem Leben vereinen. Dass seine Inspiration der Natur entsprang, beweisen seine Gläser, auf denen filigrane Blüten ranken, Blätter, Äste und Bäume wachsen.

Die Firma Daum Frères prägte die Glaskunst zwischen 1890 und 1910. Die dicken Glasbäuche geben der üppigen Malerei den Platz. Beide Manufakturen bedienten sich der Überfangtechnik. Dabei wird die Glasblase mit verschiedenfarbigen Schichten überzogen und in Form geblasen. Nach Erkalten schleift, graviert, ätzt der Glasmacher sie.

Die Ziergläser mit metallischem Schimmer und verträumten Regenbogenfarben stammen aus Südböhmen. Die Hütte Joh. Lötz Wwe. hatte den „Iriseffekt“ vom New Yorker Einrichtungshaus Tiffany übernommen. Auch die Herstellungsweise war neu: Wurden die Gläser bislang in kaltem Zustand veredelt, bediente sich die Manufaktur nun der Hüttentechnik. Die Arbeiter dekorierten die Gefäße direkt vor dem Ofen. Modern und reduziert erweist sich dagegen das Dekor in Nordböhmen nahe Haida und Steinschönau, ermöglicht durch das Überfangen des Glases. Elemente der Wiener Secession, des Neobiedermeier und einer Frühform des Art déco prägen den Stil. Die Vasen zeigen schematisierte Blüten, geometrische Ornamente und figürliche Silhouetten.

Ein Paradigmenwechsel fand nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Art déco statt. Die zarte Zierde wich eindeutigen, fast plumpen Formen, bei denen das Klare des Glases betont wurde. Im Glashaus von Wilhelm Eiff und der Stuttgarter Kunstgewerbeschule entstanden geschnittene Objekte, in Zwiesel figürlich-abstrakte Dekore. Wilhelm Wagenfeld kreierte industriegerechte Gebrauchsgläser. Auch in den Manufakturen von Peter Behrens und Richard Riemerschmid ging es mit schlichten Trinkgefäßen pragmatisch zu. Ausstellungen wie diese erinnern daran: Glas sind eben nicht nur Gläser. Anja Brandt

Bröhan-Museum, Schlossstraße 1a, Di–So 10–18 Uhr. Katalog 65 €.

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