Kultur : Zauber der Reproduktion

Fotobücher als neues Sammelgebiet: Schon der Leitfaden wird zur Rarität

Bernhard Schulz

Auf den ersten Blick kein besonderes Ergebnis: 2,6 Millionen Dollar spielte die New Yorker Auktion 2110 von Christie’s am 10. April dieses Jahres ein. 176 der 200 Lose wurden zugeschlagen, ergibt ein Durchschnittsergebnis von 14 700 Dollar. Nur, woraus bestanden die Lose?

Das war die Sensation: Es handelte sich um Fotobücher. Dem Boom der Fotografie, deren gesuchteste Originalabzüge mittlerweile im Millionenbereich angesiedelt werden, folgt ein Boom der Fotobücher. Schon werden solche Publikationen als gleichwertige Objekte in Ausstellungen zur Fotografiegeschichte gezeigt. Zu Recht: ist es doch der Zusammenhang einer durchgängig konzipierten Veröffentlichung, der der einzelnen Fotografie Ort und Rang zuweist. August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“, um nur das berühmteste Vorhaben der Publikationsgeschichte zu erwähnen, sollte stets als Sammlung gesehen werden, nicht im isolierten Einzelbild.

Eine stattliche Anzahl historischer Fotobücher ist mittlerweile neu aufgelegt worden; für viele Neugierige der erste Kontakt mit den lange Zeit kaum auffindbaren Originalen – und mittlerweile für die meisten Liebhaber auch der einzige. Denn die gesuchten Erst- und Frühauflagen wandern mehr und mehr in gut gepolsterte Privatsammlungen. Museen geraten bei dem gegenwärtigen Preisauftrieb ebenso schnell ins Hintertreffen wie zuvor bei der Fotografie selbst.

Der Boom der historischen Fotobücher hat zur Voraussetzung, dass anerkannte Maßstäbe der Bewertung vorhanden sind, dass die Flut der Publikationen überschaubar gemacht und klassifiziert worden ist. Ein, wenn nicht der Meilenstein der Publikationsgeschichte ist das zweibändige Werk des berühmten Fotografen Martin Parr und des Fotohistorikers Gerry Badger, „The Photobook: A History“ bei Phaidon Press. Der erste Band erschien 2004, der zweite folgte zwei Jahre darauf. Mittlerweile liegt der erste Band in dritter Auflage vor, der zweite ist gerade in Neuauflage begriffen. Die beiden Bände zählen selbst zum Feinsten, das im Buchhandel zu finden ist. Während sich die Einteilung der thematischen Kapitel an der Spezifik der Parr’schen Fotobuchsammlung orientiert, die die Grundlage der beiden Bände bildet, sind die Einzelbeschreibungen der vorgestellten Bücher mustergültig. Jedes Buch wird mehrfach in Abbildungen vorgestellt, vom Umschlag – dessen Vorhandensein ein erstrangiges Bewertungskriterium darstellt – bis zu den Innenseiten und Besonderheiten wie Ausklapptafeln. Grandios, schlichtweg grandios, wie sich vor dem Auge des Leser-Betrachters ein ganzes Universum enträtselt, wie Verwandtschaften sichtbar werden, weltumspannende Gemeinsamkeiten und landestypische Eigenarten.

Mit Parr und Badger, so jüngst der Fotohistoriker Anton Holzer in der „Neuen Zürcher Zeitung“, habe sich der Markt radikal gewandelt: „Manche der vorgestellten Fotobücher, die bisher kaum oder wenig beachtet wurden, wurden – geradezu über Nacht – zu gefragten Sammlerstücken.“ Dabei ist Parrs Sammlung, bei aller atemberaubenden Vielfalt, denn doch nicht vollständig. Von ihm übergangene Fotobücher müssen nicht weniger bedeutend sein. So ist Erich Mendelsohns grandioses „Amerika. Bilderbuch eines Architekten“ von 1925 opulent dargestellt; mit keiner Silbe jedoch wird der nicht minder einflussreiche Folgeband „Russland Europa Amerika“ von 1929 erwähnt.

Zu beobachten ist mittlerweile, dass Antiquariate, die in den einschlägigen Portalen des Internet inserieren, auf die Darstellung und Beurteilung bei Parr und Badger Bezug nehmen – und ihre Preise entsprechend in Höhen treiben, die die Grenze zwischen Antiquariats- und Auktionshandel markieren. So war kürzlich im ZVAB, dem Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, Francis Friths sehr frühes, 1859 verlegtes Reisejournal aus Ägypten und Palästina zu finden – für stolze 11 000 Euro. Oder Ilja Ehrenburgs „Mein Paris“ in russischer Originalausgabe von 1933 für 3200 Euro. Wer hier übrigens bei Parr und Badger weiterliest, stößt auf Brassaïs berühmtes „Paris bei Nacht“ – das jedoch 1933 mit dem Namen des für die Einleitung zeichnenden Schriftstellers Paul Morand herauskam. Und nicht mit der späteren Veröffentlichung dieses Titels übereinstimmt, die in den siebziger Jahren zur Flut von Neuausgaben historischer Fotobücher beitrug.

Solche Entdeckungen sind bei Parr und Badger allenthalben zu machen. Dem Doppelwerk der beiden Briten ging 1999 die spanische Ausstellung „Fotografía Pública. Photography in Print 1919–1939“ voraus, deren vorzüglicher Katalog das umfangreichste Kompendium zu den illustrierten Veröffentlichungen der Zwischenkriegszeit darstellt. Der Kunstgriff der quasi-dreidimensionalen Aufnahme, bei dem sich die abgebildeten Bücher mit einem Schatten vom Grund abheben, findet sich erstmals in diesem Katalogbuch; danach ebenso bei Parr und Badger.

Und ihr eigenes Werk? Wird im ZVAB für bis zu 440 Dollar(!) feilgeboten. Für den einzelnen Band, wohlgemerkt. Wer jetzt noch in den Markt für Fotobücher einsteigen will, muss sich beeilen.

Referenzwerk:

Martin Parr und Gerry Badger, The Photobook: A History.

Volume 1. 320 Seiten, 748 Farbabb., Phaidon Press, London/Phaidon Verlag, Berlin 2006, 75 €

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