Kultur : Zauber des Zweifels

Der Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee macht Südafrika zum Spiegel der Welt – und der Weltliteratur

Gregor Dotzauer

Das Motto, das den zweiten Band seiner Autobiografie schmückt, stammt von Goethe und lautet: „Wer den Dichter will verstehen/Muss in Dichters Lande gehen.“ Im Falle von J.M.Coetzee dürfte es schwierig sein, dieser Aufforderung nachzukommen. Denn zuerst müsste man ins südafrikanische Kapstadt reisen, wo der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger am 9. Februar 1940 geboren wurde, dann ins 160 Kilometer von der Hauptstadt entfernte Provinzkaff Worcester, wo er aufwuchs. Man müsste dem jungen Mann, der, vom Schreiben träumend, als Programmierer für IBM arbeitete, nach London folgen, und den Doktoranden, der über Samuel Beckett promovierte, nach Austin, Texas, begleiten. Man müsste sich sodann auf die Spuren seiner Karriere als Literaturprofessor in Kapstadt begeben – mit Stippvisiten zwischen Buffalo im Staat New York und Harvard in Cambridge, Massachusetts. Schließlich müsste man ihn im australischen Adelaide suchen, wo er der Universität als Research Fellow dient und mit seiner Freundin, der Literaturwissenschaftlerin Dorothy Driver, seit zwei Jahren lebt.

Doch bei alledem dürfte man sich nicht allzu sicher sein, dem Schriftsteller John Marie Coetzee, der 1974 als Erzähler mit „Dusklands“ debütierte, näher zu kommen, als seine Bücher es erlauben. Wahrscheinlich würde man vor allem bemerken, wie unabhängig von Licht, Landschaft, Speisezettel und politischen Verhältnissen sie angelegt sind – jenseits der sonst oft berechtigten Behauptung, dass das wahrhaft Universale immer aus dem zutiefst Lokalen entsteht. Nicht einmal seine beiden autobiografischen Bände sind in der Weise persönlich, dass sie sich als unmaskierte Auskunft über das eigene Werden dechiffrieren ließen. „Der Junge – Eine afrikanische Kindheit“ (1997) und „Die jungen Jahre“ (2002) sind in der dritten Person geschrieben, und sie funktionieren als lebendiger Versuch in einem Erzähllabor, das die Auswirkung der Zeitläufte auf einen schüchternen, hypersensiblen, in Bücher flüchtenden Weißen testet.

Dabei besteht ihre Offenheit weniger in dem exhibitionistischen Restantrieb, mit dem Coetzee sein Leben in Material verwandelt, als in der Genauigkeit, mit der er den seelischen Regungen seines alter ego nachgeht. Kein Widerspruch also zu der Unlust, mit der Coetzee öffentliche Auftritte absolviert. Natürlich unterrichtet er und erscheint gelegentlich zu Lesungen, sogar mit anschließender Diskussion: Auch in Deutschland war der schmale, strenge Mann schon zu Gast und machte seinem Ruf als Kunstmönch alle Ehre. Selbst der ihm bereits zweimal zugesprochene Booker Prize, die höchste literarische Auszeichnung im angelsächsischen Raum, hat ihn nicht dazu bewegen können, die Ehrung für seine Romane „Leben und Zeit des Michael K.“ (1984) und „Schande“ (1999) persönlich entgegenzunehmen. Die Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember in Stockholm ist deshalb eine seltene Gelegenheit, ihn vor großem Publikum zu erleben.

Typisch Coetzee: Zur Nobel-Auszeichnung äußert er sich bisher nur mit kurzer Erklärung auf der Website der Universität von Chicago: „Es war eine völlige Überraschung, ich wusste nicht einmal, dass die Bekanntgabe anstand.“ Er sei besonders glücklich, dass ihn die Nachricht während seines Herbstsemesters in der Universität erreicht habe, die seit sieben Jahren sein intellektuelles Zuhause sei. „Saul Bellow, mein Vorgänger hier, gewann den Literatur-Nobelpreis 1976.“

Coetzee ist zwölf Jahre nach der Prämierung von Nadine Gordimer der zweite südafrikanische Nobelpreisträger. So deutlich er sich mit der Apartheid und dessen Nachwehen auseinandergesetzt hat, ist sein Schreiben doch ungleich weniger littérature engagée als das seiner Freundin Gordimer.

Coetzee ist gewiss bis in jeden Winkel seines Herzens ein Humanist. Aber er ist kein politischer Aufklärer im herkömmlichen Sinn, geschweige denn ein realistischer Erzähler – und zwar gerade, um der grausamen Wirklichkeit etwas entgegenzusetzen.

Die Lesbarkeit seiner meist in kurzen, transparenten Sätzen geschriebenen Bücher verdeckt schnell, wie literarisch und philosophisch anspielungsreich seine Texte gearbeitet sind. Ihre Fragestellungen und erzählerischen Strategien leben neben dem Einfluss Samuel Becketts auch immer wieder von dem Franz Kafkas. Vielleicht ist Kapstadt in Coetzees Prosa ähnlich parabelhaft aufgehoben wie Prag bei Kafka. Wenn Coetzee in „Warten auf die Barbaren“ (1980) aus einem nicht näher identifizierten Land erzählt, das die Folter als zentrales Machtmittel einsetzt, sind die Bezüge offensichtlich. Doch geht es nicht um Handlungsanweisungen, sondern darum, wie Wahrheit erpresst wird, wie Schuld entsteht, was Gewissen in einer tyrannischen Gesellschaftsmaschinerie für den Einzelnen bedeutet und welche Rolle Sprache dabei spielt. Es sind Vermessungen in einem existenziellen Gelände, die trotz geografischer Verankerung über bestimmte historische Momente hinausweisen. So gibt es in „Leben und Zeit des Michael K“ für den Protagonisten, einen armen Kerl, der seine Hilfjobs in der Stadt aufgibt, um mit der kranken Mutter aufs Land zu fahren, höchstens Standhaftigkeit im Angesicht des Unglücks, nicht aber ein zielgerichtetes Aufbegehren. Sein Sieg ist das pure Überleben der Lager, in die er nach dem Tod der Mutter gerät.

Auch Coetzees beklemmendster Roman „Schande“, in Deutschland 90000 mal verkauft, ist eher die Analyse archaischer Rachegefühle als die Schilderung der Gewaltattacken, die ein weißer Literaturprofessor und seine Tochter auf einer Farm nach dem Ende der Apartheid von Schwarzen erdulden. So gibt es mit der Stockholmer Entscheidung in Südafrika eine Auseinandersetzung über die Haltung des ANC gegenüber dem Autor – die Partei hatte den Roman seinerzeit kritisiert.

Wie wenig Coetzee von schriftstellerischen Meinungen hält, hat er auch der Titelheldin seines jüngsten Buchs in den Mund gelegt. Die Schriftstellerin Elizabeth Costello erklärt in einer der „Acht Lektionen“, die erst nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen: „I have beliefs, but I do not believe in them – Ich habe Überzeugungen, aber ich glaube nicht an sie.“ Und: „Eine Überzeugung ist am Ende vielleicht nicht mehr als eine Energiequelle, wie eine Batterie, die man einer Idee einsetzt, damit sie funktioniert.“ Und man sollte auch das nicht als Bekenntnis lesen.

Vielmehr ist Coetzee tief in Weltliterarisches verstrickt und in die poetologischen Konzepte, die sich damit verbinden. Man muss sich nur ansehen, über welche Autoren er in der „New York Review of Books“ geschrieben hat: über Günter Grass, Bruno Schulz, Italo Svevo, Joseph Roth, Sándor Márai, Paul Celan, W.G. Sebald, Walter Benjamin oder Robert Walser. Bei der Schwedischen Akademie war Coetzee wohl schon seit einigen Jahren als Nobelpreis-Kandidat im Gespräch. Die diesjährige Entscheidung verleiht seinem burischen Familiennamen nun auch beim breiten Publikum einen einprägsamen Klang. Jetzt, da bald jeder wissen wird, dass man Coetzee wie Kudzía ausspricht, mit Betonung auf der zweiten Silbe.

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