Kultur : Zaubergesang

Film- und Operettenstar Martha Eggerth wird 100.

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Foto: Horst Ossinger/p-a/dpa
Foto: Horst Ossinger/p-a/dpaFoto: picture-alliance / dpa

Frühling, die Zeit, in der alles aufs Neue beginnt. Die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, mit ihr die Gefühle. Ein Offizier in Uniform und ein Mädchen im Seidenkleid flanieren durch eine lauschige Kleinstadtnacht. Sie flirten, dann lauschen sie: „Ach, ein Waldhorn!“ Ein Musiker probt am offenen Fenster, Geigen erklingen, das Mädchen singt: „Nun faltet der Tag seine Flügel / Und schläft in der Dämmerung ein / Auf einmal erblüht in der Seele ein seltsamer Zaubergesang.“ Das muss wohl der Gesang der Liebe sein. Denn bald darauf laufen sie händchenhaltend durch einen Park, diesmal scheint die Sonne, und der Offizier schmettert: „Wunderschön ist es, verliebt zu sein.“

So war das, als Martha Eggerth und Johannes Heesters in der von Detlef Sierck inszenierten Ufa-Operette „Das Hofkonzert“ zueinander fanden. Der Kostümfilm spielt im Irgend-Nirgendwo eines Biedermeier-Fürstentums, doch die Wirklichkeit erwies sich damals – 1936 – nicht gerade als wunderschön. Sierck emigrierte bald darauf nach Hollywood und stieg als Douglas Sirk zu einem der besten Melodram-Regisseure auf. Heesters, der Holländer, blieb in Deutschland und wurde ein großer Star des NS-Kinos. Und Martha Eggerth, die bis dahin bereits 29 Filme gedreht hatte, musste mit ihrem Mann, dem polnischen Tenor Jan Kiepura, über Wien und Paris nach New York fliehen, weil sie im NS-Jargon als „Halbjuden“ galten. Kiepura, damals umschwärmt wie sonst nur noch Richard Tauber oder Joseph Schmidt, hatte sie bei den Dreharbeiten zum Lustspiel „Mein Herz ruft nach dir“ kennengelernt. Er starb 1966, aber die Liebe blieb. „Er war mein Leben“, sagte die Sängerin noch 2011 in einem Interview.

Eggerth, 1912 in Budapest geboren, begann ihre Karriere als musikalisches Wunderkind. Erste Auftritte absolvierte sie mit sechs Jahren, nach Engagements in Wien und Hamburg eroberte sie 1930 Berlin. Mit ihrem voluminösen Sopran schien die Wasserwellenschönheit wie gemacht zu sein für die beginnende Tonfilmära, die nach neuen, unverbrauchten Gesichtern und Stimmen verlangte. Sie reüssierte im „Zarewitsch“, als „blonde Carmen“ und als „Csárdásfürstin“. Franz Lehár, Robert Stolz und Emmerich Kálmán schrieben Lieder für sie. Eggerth strahlte mit ihrer zierlichen Statur und perlenden Koloraturen eine schwerelose Grazie aus, das Gegenmodell zur ebenfalls aus Ungarn stammenden Marika Rökk, die als „Herz mit Paprika“ in zackigen Revuefilmen eine Art Nachfolgerin werden sollte. „Alle Talente waren in Berlin, ich denke oft an diese Zeit“, versicherte Eggerth 70 Jahre später im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Sie singt immer noch, tritt bei Wohltätigkeitskonzerten auf. „Stimme ist wichtig, aber nicht alles. Man muss dazu geben Gefühl“, lautet ihr Credo in zauberhaftem Húngaro-Deutsch. Heute feiert Martha Eggerth in Manhattan ihren 100. Geburtstag. Christian Schröder

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