Kultur : Zauberkünstler

Zum Abschluss des Berliner Jazzfests.

von
Foto: Berliner Festspiele
Foto: Berliner Festspiele

Das Neue in der Kunst ist ein alter Fetisch. Es kann in den Retroorgien des Pop ebenso stecken wie im archaisierenden Zugriff zeitgenössischer Komponisten, die sich in den Wonnen sakraler Einfachheit ergehen. Nirgends jedoch ist es problematischer als im Jazz, wo das Ereignishafte des Improvisierten auf Konzepte trifft, die das Gegenwartserlebnis mitunter heftig torpedieren: Jahrelang gehört, jahrelang ist nichts passiert.

Das sozialistische Pathos von Hanns Eisler zum Beispiel ist, seitdem Heiner Goebbels und Alfred Harth es Ende der Siebziger gleichermaßen zerstampften und belebten, im Jazz heimisch geworden. Das Kapital, ein Trio des dänischen Gitarristen Hasse Poulsen, des deutschen Tenorsaxofonisten Daniel Erdmann und des französischen Schlagzeugers Edward Perraud halten es damit ähnlich. Zwischen sauber intonierten Themen, geräuschhafter Eruption und Elementarpunk jagen sie Eisler durch einen Materialschredder, als wäre Dekonstruktion noch immer der letzte Schrei. Dazu ein nach der Musik gedrehter Schwarz-Weiß-Film von Nicolas Humbert und Martin Otter: Assoziationen zu Eisler, die sich von Beliebigkeit kaum unterscheiden lassen. Und doch hat das Ganze eine berserkerhafte Kraft, die sich besonders dem Schlagzeuger verdankt. Edward Perraud peitscht einen revolutionären Zorn in die Klangwand hinein, die selbst den Ungerührtesten momentelang erzittern lassen muss.

Überhaupt die Drummer. Ihnen als Bandleadern galt ein ganzer Abend. Der Franzose Manu Katché ist als sehnige Hyperpräzisionsmaschine, die die Splash-Becken eines opulenten Sets durchschwirrt, ein reines Vergnügen. Die sentimentale Popjazz-Fusion, die er mit Hammondorgel, atmosphärisch wabernder Trompete und Saxofon bietet, ist allerdings ein vorgestriges Einerlei. Günter Baby Sommer präsentiert sich in seinen „Songs for Kommeno“ in Gedenken an ein Wehrmachtsmassaker in Griechenland als theatralischer Großtrommler. Mit seinen griechischen Musikern schafft er aber nur einen kompositorisch einfältigen, wenn auch klanglich reizvollen Ethno-Jazz. Der Schweizer Pierre Favre dagegen ist nicht nur der klangsensibelste Perkussionist. Als Chef eines zehnköpfigen Ensembles ist er der raffinierteste Komponist. Mühelos finder er den Übergang von Bläserchorälen zu Kleinstdialogen.

Ungetrübtes Glück zum Ausklang: Virtuoser und befreiter als der 79-jährige Wayne Shorter mit seinem Quartett um John Patitucci am Bass und Danilo Perez am Klavier kann man Jazz heute nicht zur radikal anspruchsvollen Kunstmusik öffnen. In ihrer Suitenhaftigkeit navigiert sie von Kompositionsinsel zu Kompositionsinsel, Motivzelle zu Motivzelle und atmet dazwischen vollkommene Spontaneität. Jeder lang gedehnte, bittersüße Signalton aus Shorters Sopransaxofon besitzt Notwendigkeit, jedes blitzschnell nachschnurrende Arpeggio überirdische Klarheit. Ökonomie und Überschwang in einem organischen Ensemblekörper – mit Brian Blade als dem ungekrönten Schlagzeugkönig des Jazzfests. Gregor Dotzauer

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