Kultur : Zauberlehrlinge des Jazz

KAI MÜLLER

Deutsche Jazz-Musiker sind nicht gerade für ihre Coolness bekannt.Professionell natürlich und begabt und technisch einwandfrei.Aber cool oder hip? Deshalb kann Acid-Jazz, der ja vor allem eine Frage von Stil und Eleganz ist, hierzulande sein "Kraut"-Image auch selten abstreifen und zu abgeklärter Reife gelangen."Tab Two" ist dieses Kunststück trotzdem gelungen.Das schwäbische Duo tat sich 1991 zusammen, als sich der Dancefloor in England mit Massive Attack einer down-tempo-weichen DiscoJazz-Mischung bemächtigte.Seither haben die beiden sieben Alben veröffentlicht und sich einen exzellenten internationalen Ruf erarbeitet.Auch wenn die Stimmen nicht verstummen wollen, die in ihren synthetischen Genre-Überschreitungen nichts als weichgekochte Miles-Davis-Imitate sehen.

Joo Kraus klingt tatsächlich ein wenig wie Miles Davis, wenn er seine melancholischen Melodien über brodelnde Funk-Rhythmen legt.Aber vergessen wir nicht, daß auch der Meister mit seinem scharfzüngigen Stopfhorn auf "Tutu" vor allem deshalb Maßstäbe setzte, weil Marcus Miller am Baß die eigentliche Arbeit leistete.Bei "Tab Two" übernimmt Helmut Hattler diesen Part.Seine eigenwilligen musikalischen Auffassungen setzte der E-Bassist erstmals bei "Kraan" durch.Während alle Welt unter dem Einfluß von Stanley Clark und Jaco Pastorius versuchte, dem schwerfälligen Instrument poetische Linien und bläserartige Phrasierungen zu entlocken, krachte Hattler extrem schnell und kantig über die Seiten.Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den bereits verblaßten "Fehlfarben" drohte ihm eine ziemlich triste Zukunft.Denn seine Fusion-Heimat war ausgestorben.Aus der einst lebendigen Genremixturwar Ende der achtziger Jahre ein hochgezüchtetes Effekt-Mosaik geworden.Darüber konnten auch die etwas naiven, romantisierenden Alben nicht hinwegtäuschen, die Hattler zum Beispiel mit Thorsten de Winckel einspielte.

Aber Hattler bewegte sich in eine Richtung, die im Zusammentreffen mit dem vierzehn Jahre jüngeren Kraus schließlich zu dem aufblühte, was "Tab Two" heute auszeichnet: stimmungsvolle, groovige Klanggebilde, die sich wie molekulare Gitternetze ausdehnen oder zusammenziehen.Man hat Hattler und Kraus auch "Zauberlehrlinge des HipJazz" genannt, offenbar in der Annahme, daß sich ihre komplexen, im Studio zusammengebastelten Tracks verselbständigen könnten.Eine unbegründete Sorge.Auf der Bühne ordnen sich die beiden Individualisten dem minimalistischen Konzept mit eiserner Disziplin unter und spielen seichtere Balladen gelegentlich auch ganz ohne elektronische Rückendeckung.Wie sagte Norman Mailer? "Hip heißt, in Kontrolle einer Situation zu sein - und auch in Kontrolle seiner selbst."

"Tab Two"/"Der Ich-Zwerg", ColumbiaFritz, 13.4.

20.30 Uhr

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