Kultur : Zauberwürfel

Das neue Bildhaueratelier von Tony Cragg an der UdK

Jürgen Tietz

Junge Architekten sind derzeit nicht zu beneiden. Schließlich gibt es ohnehin schon zu viele Architekten im Lande, und der Baubranche geht es schlechter denn je – das macht es für Berufseinsteiger nicht einfacher. Und als wäre das nicht schon misslich genug, pflegen deutsche Bauherren einen ausgeprägten Hang zur Altväterlichkeit. Mit leidend-fragendem Blick schauen sie auf die jungen Architekten hinab und fragen sich: Können die das überhaupt? Statt sich frischen architektonischen Lösungen zu öffnen, vergeben sie ihre Aufträge dann meist an alteingesessene Büros. Da weiß man, was man hat. Raum für Innovationen entsteht so allerdings nicht. Gut für junge Architekten, wenn sie in solch einer Situation bereits auf ein realisiertes Projekt verweisen können, obwohl sie gerade erst die Universität verlassen. Damit die eigenen Absolventen diese wichtigen Praxiserfahrungen sammeln können, hat die Universität der Künste (UdK) an der Hardenbergstraße das Büro 1:1 initiiert. Eine Arbeitsgemeinschaft aus Studenten, die sich für den Neubau des Ateliers für die Bildhauerklasse von Tony Cragg zusammengeschlossen hat. Cragg, der seit 2001 an der UdK lehrt, gehört zu den renommiertesten britischen Bildhauern der Gegenwart.

Tief versteckt am Ende des Universitätscampus liegt der Neubau, ein ebenso schlichter wie raffinierter Würfel, den Lina Gieselmann, Florence Girod, Holger Lindmüller, Melanie Valle Thiele und Tinka Wilshues realisiert haben. Ein Vorzeigestück für eine praxisorientierte Architektenausbildung und obendrein ein bemerkenswerter Beitrag zur neuen Architektur in der Stadt. Und auch die Bauausführung ist ein Bespiel angewandter Ausbildungspraxis: Gründung, Rohbau, Stahlbau, Tischler- und Schlosserarbeiten für das Atelier wurden von Schülern des Oberstufenzentrums Bautechnik ausgeführt.

Eine alte Wunde

Das neue Bildhaueratelier schließt eine alte Wunde auf dem Universitätscampus. An seiner Stelle stand einst das kriegszerstörte Bildhaueratelier von Hugo Lederer. Es bildete einen der beiden Kopfbauten, die den langgestreckten Riegel der Bildhauerateliers seitlich einfassen. Der Entwurf stammte von den damaligen Berliner Erfolgsarchitekten Heinrich Kayser und Karl von Großheim, die die Hochschule 1898/1902 verwirklichten. Die Auseinandersetzung der jungen Architektentruppe mit dem historischen Baubestand konzentrierte sich auf die Abmessungen des Ateliers. So nimmt der Neubau die Kubatur des verlorenen Vorgängerbaus auf und steht zudem auf dessen Fundamenten. An seiner äußeren Ecke wird das neue Atelier durch einen kleinen Turm betont – genau wie am anderen Ende des Atelierriegels. Im Turm verbirgt sich ein schmales Treppenhaus, das zu einer Galerie sowie zur Kranbahn des Ateliers führt. Doch ansonsten überwiegen die Kontraste zwischen dem historischen Bestand und dem Neubau, der sich weder in Material noch in der Formensprache an den neoromanischen Altbau anbiedert. Statt mit Naturstein ist die Fassade des Atelier-Würfels mit grauen Titanzink-Blechen verkleidet. Ein zusätzlicher Kontrast wird durch das leicht schräge Kippen der Fassade erzeugt. So entsteht eine irritierende Bewegung des Baukörpers, die sich auch im Inneren des Ateliers fortsetzt.

Vorsicht Schlagschatten

Nach Norden ist die leicht geneigte Fassade bis zum Boden in Glasflächen aufgelöst. So dringt kein direktes Sonnenlicht in den Raum, das durch seine Schlagschattenbildung bei der künstlerischen Arbeit stören würde. Dennoch wird möglichst viel natürliche Beleuchtung in das Atelier geholt. Ein Effekt, den die drei Oberlichter im Flachdach ergänzen.

Das Innere des Ateliers besteht hauptsächlich aus einem einzigen großen Raum. Drei alte Konsolen, die von dem historischen Atelier noch in der Wand des Altbaus erhalten waren, halten heute wieder einen der Stahlträger für die Kranbahn. Mit ihr können großformatige Skulpturen bewegt werden – bis zu den fünf Meter hohen Ateliertoren. In den schmalen Zwischenräumen, die sich zwischen die neu errichteten Betonwände und die Blechfassade schieben, haben die Architekten kleine Stauräume geschaffen. Während die Betonwände dort in Sichtbeton ausgeführt wurden, sind sie im Atelier weiß gefasst. Für die Arbeit der Bildhauer entsteht dadurch eine möglichst neutrale, helle Hintergrundsfolie.

Die verwendeten Materialien Titanzinkblech, Beton, Stahl und Glas besitzen eine technisch-rauhe Wirkung und unterstreichen so den Charakter des Ateliers als Werkstattgebäude. Zugleich aber erhält der Bau durch die kunstvoll-künstlich gestaltete, leicht gekippte Fassade selbst den Charakter eines Bau-Kunst-Objektes. So fügt er sich sowohl in seiner Nutzung als auch in seiner anspruchsvollen Gestaltung in den Kontext der Hochschule und ihren gebauten Bestand ein. Doch das Bildhaueratelier von Tony Cragg stellt auch eine Herausforderung dar: endlich mehr Orte und Gelegenheiten zu finden, um jungen Architekten den nötigen Raum für ihre Bauten zu bieten – und um so aus der Spur der ausgetretenen Berliner Architekturpfade herauszukommen.

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