Zaza Burchuladzes „Touristenfrühstück“ : Flanieren durch Berlissi

Zwischen Tiflis und Berlin: Zaza Burchuladzes „Touristenfrühstück“ ist eine Reflektion über das Leben im Exil und die Bewohner seiner neuen Heimatstadt.

Giacomo Maihofer
Vakuum des Dazwischenseins. Der georgische Autor Zaza Burchuladze im Berliner Mauerpark.
Vakuum des Dazwischenseins. Der georgische Autor Zaza Burchuladze im Berliner Mauerpark.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er flaniert durch Berlin und wird von Erinnerungen an seine Heimat im georgischen Tiflis fortgerissen. An einen Ort, der weder hier noch dort ist, ein Tunnel in seinem Bewusstsein. „Berlissi“ nennt ihn Zaza Burchuladze in seinem neuen Roman „Touristenfrühstück“. Nachdem der 42-Jährige georgische Schriftsteller die Politik und die orthodoxe Kirche seines Landes kritisiert hatte, wurde er verfemt, verfolgt und angegriffen. Er musste fliehen und lebt seit 2014 in Berlin. Mit „Adibas“, in Georgien 2009 erschienen, gelang ihm 2015 ein furioser Einstand in der hiesigen Literaturszene. Der Roman ist ein Popfeuerwerk vom Cover bis zur letzten Zeile, ein radikaler Abgesang auf die georgische Gegenwart, schockierend und komisch zugleich.

„Touristenfrühstück“ ist nun die erste Veröffentlichung Burchuladzes aus dem Berliner Exil. In diesem Journal lässt Burchuladze Wahrheit und Dichtung absichtsvoll verschwimmen. Er macht das Verhältnis von Kunstfigur, Erzähler und Autor zum Vexierspiel, in dem er den Zustand des Exils bereits vorwegnimmt. Er schwebt und gleitet zwischen Welten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Sehnsucht und Besinnung. „Mich verlässt nie das Gefühl, dass Berlin nur die Beschichtung über der Losnummer ist und nach etwas Rubbeln Tiflis zum Vorschein kommt.“ Zaza Burchuladze sucht hier seine neue Heimat, während die alte ihn heimsucht.

Diese Stimmung wird zur Keimzelle des Textes. Die duftenden Schaschliks der Großmutter, das erste Paar Sneakers, der rasende Lada des Vaters. Momente, Bilder und Lieder aus dem vergangenen Leben entwickeln sich zu einer monströsen Geborgenheitsfiktion, die der Erzähler mit sich herumträgt wie eine Schnecke ihr Haus. Sie ist Schutz und Fluch zugleich, Last und Befreiung. Man versteht, warum Zaza Burchuladze als einer der interessantesten Gegenwartsautoren Georgiens gilt. Er bringt das Verhängnis des Exils, das Vakuum des Dazwischenseins in diesen episodenhaften Erzählpassagen kraftvoll zum Ausdruck.

Berlin als Notapotheke

„Touristenfrühstück“ soll aber nicht nur Exil-, sondern genauso Berlin- und Flaneurroman sein. Spazieren gehen, grübeln, am liebsten auf Umwegen und Nebengassen des Bewusstseins. Burchuladze referiert über den Orgasmus der Frau, erzählt von Kafkas Grab in Wien, analysiert das Verhältnis von Ernst Jünger und Anne Frank oder wie sich die georgische Unkultiviertheit zu der deutschen Pünktlichkeit verhält. Berlin, diese Metropole der literarischen Verklärung, ist für ihn eine allen offenstehende Notapotheke. Hier tummeln sich „internationale Obdachlose“ und, klar: die berühmten Mütter von Prenzlauer Berg mit ihren raumschiffartigen Kinderwagen. Fehlt nur noch der junge Mann mit Bart und Hornbrille, der in einen Haufen Hundescheiße tritt und ruft: „Arm, aber sexy!“

Zwischen diesen Gedankensplittern wuchern in postmoderner Manier Zitate und Referenzen. Der Erzähler empfindet sein Leben mal als persönliches „Achteinhalb“ in den Kulissen von Fellinis „Stadt der Frauen“, dann wieder denkt er an Hamsuns „Hunger“ oder Max Ernsts Gemälde „Die drei Zeugen“. Am Ende weiß man: „Berlissi“ ist ein wahrlich unwirtlicher Ort.

Zaza Burchuladze:  Touristenfrühstück. Roman. Übersetzt von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Blumenbar Verlag, Berlin 2017. 176 Seiten, 18 €.

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