Kultur : Zehn Gänge

Musik zur Berliner Metropolitan-Schau

Frederik Hanssen

Natürlich ist Jules Massenets „Méditation“ aus der Oper „Thais“ dabei. Ohne den Edelschmachtfetzen wäre keine tour d’horizon der französischen Musik des 19. Jahrhunderts komplett. Darum hat der Dirigent Jacques Lacombe Massenets Meisterstückchen auch als Rausschmeißer des Konzertes gewählt, das er am 21. Juni mit dem Orchester der Deutschen Oper in der Neuen Nationalgalerie gibt. Es wird ein zehngängiges Musik-Souper gereicht, mit je einem Beispielstück pro Jahrzehnt, beginnend mit dem Klassizisten Cherubini, gefolgt von leichter Kost à la Boieldieu, Auber und Hérold. Die Hauptgerichte werden von Berlioz, Gounod und Bizet beigesteuert, bevor ein Dessert-Trio mit Offenbach, Delibes und Massenet den Abend abrundet. Als Moderator fungiert Peter Raue, der die Metropolitan-Meisterwerke nach Berlin geholt hat.

So historisch korrekt sich das Konzert präsentiert, die Berührungspunkte mit den schönen Franzosen aus New York sind dabei eher gering. Vom exzentrischen Innovator Berlioz abgesehen, stehen alle Komponisten des Abends nämlich für den académisme, jene von den Hochschulen gelehrte Repräsentationskunst, die von den Impressionisten bekämpft wurde. Massenets „Thais“ beispielsweise erzählt die Geschichte des Mönchs Athanael, der im antiken Ägypten eine Kurtisane zurück auf den rechten Weg bringen will. In der nächtlichen Idylle einer Oase bekehrt sie sich tatsächlich zum Glauben – während das Orchester-Zwischenspiel der „Méditation“ erklingt. Kaum hat Athanael die Bekehrte im Kloster abgeliefert, muss er sich seine brennende Liebe zu Thais eingestehen. Als er ihre Zelle betritt, entschwebt ihr Geist zur Liebesheirat mit dem Heiland.

Das ist der Stoff, aus dem 1894 bourgeoise Träume sind: Orient-Mode, Katholizismus und Erotik mit instrumentalem Raffinement und melodischen Seufzern zur süßen Melange verrührt. Das klingt dann so, wie Alexandre Cabanels „Venus“ aussieht, die in der Nationalgalerie als Beispiel des Akademismus den Freiluftmalern gegenübersteht. Nicht schaumgeboren ist diese Göttin, sondern auf Zuckerwatte gebettet.

Wenn die Impressionisten und vor allem die Symbolisten die großbürgerliche Gattung Oper überhaupt gelten ließen, dann waren sie glühende Wagnerianer. Vor allem aber faszinierte die Maler (ebenso wie die Dichter) des späten 19. Jahrhunderts autonome Musik, also solche, die ohne Worte auskommt, Sinfonik, Streichquartette, Klavierstücke. Farbe wird für sie die Musik der Malerei, und auch die Komponisten beginnen um 1900 mit Klängen zu zeichnen, zu tuschen, zu aquarellieren.

Die Doppel-CD „La belle époque“, von der Deutschen Grammophon in Kooperation mit der Nationalgalerie als „Soundtrack zur Ausstellung“ zusammengestellt, zeigt diese innovative Seite der französischen Musik: Ravel, Debussy, Satie, Fauré und Chausson vor allem. Jeder Griff ins Archiv fördert bei der Grammophon legendäre Referenzaufnahmen zutage: Die Klassik-Häppchen werden hier auf Sèvres-Porzellan serviert von Martha Argerich, Jean-Yves Thibaudet und Mischa Maisky, Claudio Abbado und Pierre Boulez. Frederik Hanssen

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